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Betroffen sind die Ärmsten

Pfarrer Behrens aus Bischofswerda war Augenzeuge der Flutkatastrophe in Indonesien

Das Aufräumen nach der Flut: Die Menschen in Indonesien sind Überflutungen zwar gewohnt, aber diesmal kam es wieder besonders schlimm. Viele mussten zusehen, wie der Fluss ihre Häuser und ihre Habe einfach mit fortriss. Fotos: Christoph Behrens / David Opitz Pfarrer Christoph Behrens aus Bischofswerda besucht zusammen mit seinem Neffen David Opitz zurzeit Indonesien. Dort wurden die beiden Zeugen der verheerenden Flutkatastrophe, die Anfang Februar ihren Höhepunkt erreichte. Pfarrer Behrens schreibt aus Indonesien für den Tag des Herrn:

Es sind immer wieder die Ärmsten der Armen, die es besonders hart trifft. So deckt sich die Betroffenheit oder Nichtbetroffenheit auch der jüngsten Flutkatastrophe mit der Zugehörigkeit zu Arm und Reich. Gerade die Flussläufe und ihre Niederungen sind in dieser Stadt bevorzugte Plätze, in denen die Slums ins Unermessliche wachsen und keinen Raum lassen für eine sinnvolle Siedlungspolitik.

Hier treffen wir eine muslimische Frau, mit der die Franziskanerin, Schwester André Lemmers schon jahrelang zusammenarbeitet. Sie gründeten eine kleine Poliklinik und begannen ein Schulprojekt, in dem christliche und muslimische Schüler voneinander und miteinander lernen. Nun wartete sie auf uns inmitten einer Schar von bedürftigen Familien, um eine kleine Hilfe in dieser Not zu erhalten. Uns erschien es wie ein eingespieltes Ritual, denn Schwester André blieb ihrer früheren Wirkungsstätte unter den Brücken immer treu und tauchte in regelmäßigen Abständen hier auf, um nach dem Rechten zu sehen.

Sauberes Wasser gibt es nicht

Die Menschen in Indonesien sind Katastrophen gewöhnt, diesmal war es aber wieder besonders schlimm. Trotzdem erleben wir keine traumatisierten Menschen. Nein, sie winken uns lachend näher heran, um ein letztes Bild von ihrem "Haus" zu machen, das gerade der Fluss auffrisst. Auch wenn sie Meter für Meter mit sinkendem Wasserstand zurückerobern, wissen sie sicher, dass es irgendwann wieder so kommt. Die Menschen sind durch den Schmutz, den Schlamm und den heran gespülten Müll noch mehr ein Teil dieser Szenerie geworden, denn Wasser, sauberes Wasser gibt es nicht.

Vom Ausmaß der Zerstörung kommen mir unwillkürlich die Bilder von Dohna und Weesenstein vom August 2002 in Erinnerung, ähnlich fassungslos standen wir wieder vor einer solchen Situation. Hier ist es dennoch ganz anders, kein Technischer Hilfsdienst kommt und räumt, wie in Dresden, den Flut-Müll, der uns auch von viel Überflüssigem befreite, einfach in Windeseile weg. Müll ist hier Gold wert, vielleicht der Anfang einer neuen Existenz, wie für die Frau, die ich vor dem überfluteten Friseurladen beobachten konnte. Sie zog eine große Plastiktüte aus dem Schlamm, wischte die darin gefundenen Seifenstücke sorgfältig ab, um sie wahrscheinlich in den nächsten Tagen an irgendeiner Straßenecke zu verkaufen.

Als wir losflogen, wussten wir noch nicht, was uns erwartet, die Informationen in den Medien waren eher spärlich. Vermutlich werden zu Hause die großen Spendenaktionen angelaufen sein, währenddessen die neunköpfige Familie ihre drei Hühner wieder eingesammelt hat und auf einem vor Schlamm triefenden Sofa unter einer Plastikplane sitzt. Ob sie etwas aus dem großen Topf abbekommen, ist eher unwahrscheinlich. Schon ein Jahr zuvor habe ich in einer vom Tsunami betroffenen Region erfahren müssen, wie schwer es ist, Hilfe so zu gestalten, dass sie nicht nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein ist, oder in falsche Hände kommt, sondern auch nachhaltig die Situation der Menschen nach der Flut verbessern kann, wie es Schwester André tut, die schon viele Jahre für die Menschen dort arbeitet und da sein wird. An diesem Tag nahm sie uns mit, um ein paar Hilfsgüter zu verteilen, obwohl wir ja aus einem ganz anderen Grund nach Indonesien gekommen waren.

Persönliche Patenschaften verbinden

Seit einem Jahr konnte ich meine Pfarrgemeinde St. Benno in Bischofswerda für ein Patenschaftsobjekt in Indonesien begeistern. 35 Waisenkinder können durch einen monatlichen Beitrag von 15 Euro mit Nahrung, Kleidung und Schulgeld versorgt werden. Das Besondere daran ist, dass ich inzwischen jedes Kind und sein besonderes Schicksal kenne und den Paten einen persönlichen Kontakt ermöglichen kann. Auch für die Kinder in Pondok Gede ist es sehr interessant, wer ihre Paten sind: Die Witwe, die ihr letztes Geld gibt, das Schulkind, das von seiner ganzen Schulklasse unterstützt wird, die Senioren oder Familien, die durch die bedrückenden Lebensläufe der Kinder berührt wurden und etwas tun möchten. Am meisten begeisterte uns diese Ordensfrau. Vor dem vermeintlichen Ruhestand hat sie noch viele Pläne. Kinder und Jugendliche mit Verletzungen und äußeren Entstellungen bekommen durch Schwester André eine Chance der höchstmöglichen Wiederherstellung ihrer Gesundheit. Zahlreiche Operationen brachten sie auf die Idee, selbst ein Krankenhaus zu bauen, um Kosten zu sparen und von dem Geld der Reichen die Armen mit zu versorgen. Ja, eigentlich muss sie auch über mehr Räume für die Kinder, Unterbringungen für die Alten und den Neubau einer Kirche nachdenken, die schon zweimal Brandstiftern zum Opfer fiel. Hier können wir Gottvertrauen ganz neu lernen und werden entschädigt durch die Dankbarkeit der Kinder.



Informationen

Internet: www.sankt-benno.de/gruppen/ysp/ysp.html

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 7 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 15.02.2007

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