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Heiliger Dietrich Bonhoeffer, bitte für uns

Ökumenischer Studientag zur Heiligenverehrung

Jena - Die theologischen Fakultäten der Universitäten Erfurt (katholisch) und Jena (evangelisch) haben das Elisabeth-Jahr zum Anlass für einen ökumenischen Studientag genommen. Das Thema hieß "Heilige und Heiligenverehrung".

Bis vor einigen Jahren war es völlig klar: Heilige sind ein Thema für Katholiken. Im Leben von evangelischen Christen spielten sie keine Rolle. Hier vollzieht sich in der evangelischen Kirche ein Wandel. Vor allem Bonifatius- und Elisabeth- Jahr sowie der Umgang mit Persönlichkeiten aus der eigenen Geschichte wie Dietrich Bonhoeffer sind Indizien dafür. Und so konnte der Rektor der Universität Jena, Klaus Dicke, bei der Begrüßung zum ökumenischen Studientag "Heilige und Heiligenverehrung" fragen: "Sind Heilige vormodern und nichts für Protestanten?"

Martin Luthers heilige Elisabeth

Die verschiedenen Beiträge des Tages machten deutlich, dass es in beiden Kirchen gegenwärtig Veränderungen in diesem Zusammenhang gibt: Die katholische Kirche hat sich in der Zeit seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit Auswüchsen der Heiligenverehrung in der Volksfrömmigkeit auseinandergesetzt (siehe "Im Wortlaut"). Und in der evangelischen Kirche kommt es zu einer Art Wiederentdeckung. Immerhin hatte ja Martin Luther selbst noch von "unserer heiligen Elisabeth" gesprochen, auch wenn er im Zusammenhang mit der Heiligsprechung Bennos von Meißen "wider den neuen Abgott und alten Teufel, der zu Meißen soll erhoben werden" wetterte.

Die Besinnung auf die biblischen Grundlagen kann deshalb für beide Kirchen hilfreich sein und stand deshalb am Beginn des Studientages. "Die Glieder der christlichen Gemeinden werden schon früh als Heilige bezeichnet", rief der katholische Neutestamentler Claus- Peter März (Erfurt) in Erinnerung. Heilig meine dabei, in der Christus- Nachfolge Anteil an der Heiligkeit Gottes zu haben. Bewirkt werde die Heiligkeit durch den Heiligen Geist. Sie sei Geschenk und Aufgabe zugleich. Das Prädikat heilig komme der Kirche als ganzer zu. Die Christen seien als geheiligtes Volk von Gott und für Gott ausgesondert.

In der Frühzeit des Christentums wurde die Heiligkeit in der Nachfolge Christi gefunden: Der einzelne Christ wird zum Repräsentanten Christi und imitiert ihn, erklärte der evangelische Kirchenhistoriker Volker Leppin (Jena). Besonders deutlich werde das bei den Märtyrern. "Die Berichte und Gerichtsakten darüber stellen vor allem die Christusgleichheit des Märtyrers vor Augen." Als der Märtyrertod nicht mehr die naheliegende Form der Nachfolge war, wurden beispielsweise die vielfältigen Heimsuchungen, denen ein Asket begegnete und widerstand, zum Kriterium von Heiligkeit. Ein anderes Moment zeigt sich in der Gestalt des heiligen Martin von Tours: Ihm wie auch Elisabeth von Thüringen ging es um die karitative Zuwendung zum Nächsten, in dem dem Helfenden Christus begegnet.

In der Folgezeit entwickelte sich das Bedürfnis, diese Heiligen auf Dauer präsent zu halten, erklärte Leppin. So entstanden Gedächtnisfeiern, die Verehrung der Grabstelle und der Reliquien. Als Kehrseite, die auch ein Anlass der reformatorischen Kritik war, kam es zu schwunghaftem Reliquien- Handel und Sammelsucht.

Theologisch wurde den Heiligen im Himmel eine Mittlerfunktion zugesprochen. Sie hat ihren Ursprung im römischen Patronatssystem: "Theologisch verschwand Gott hinter der Fürsprache der Heiligen nicht. In der Alltags-Frömmigkeit dürfte das aber passiert sein." Die Kritik der Wittenberger Reformation um Martin Luther an der Heiligenverehrung argumentierte vor allem damit, dass Christus in die Mitte des Glaubens gehöre. Entsprechend seiner Rechtfertigungslehre erfährt für Luther der Mensch Heil allein durch die von Gott vermittelte Gnade.

Unterscheidung zwischen Anbetung und Verehrung

Dennoch hält die "Confessio Augustana", die zentrale Bekenntnisschrift der lutherischen Kirchen, an den Heiligen fest, erklärte die Professorin für Praktische Theologie Corinna Dahlgrün (Jena): Christus sei zwar der einzige Mittler, Heilige aber seien Vorbilder. "Sie sind Beispiele der Gnade Gottes und dienen zur Stärkung unseres Glaubens." Die aktuelle Wiederentdeckung der Heiligen im evangelischen Raum habe vor allem solche im Blick, die sich für die Armen und die Schöpfung engagiert haben (Franziskus, Elisabeth, Martin, Mutter Teresa) und nicht heilig gesprochene Menschen, die zu den Vertretern des gewaltfreien Widerstand im 20. Jahrhundert gehören (Dietrich Bonhoeffer, Mahatma Ghandi, Martin Luther King).

Ökumenisch brisant sei die Frage der Kommunikation mit den Heiligen, sagte Dahlgrün. Dafür forderte sie eine "saubere Unterscheidung zwischen Anbetung und Verehrung". Auch aus evangelischer Sicht wolle sie die Möglichkeit der Fürbitte der Heiligen in der anderen Welt nicht vorschnell zurückweisen. Fürbitte könnte eine Form der Solidarität zwischen dieser und der anderen Welt sein, bei der die Heiligen ihr irdisches Liebeshandeln fortsetzten.

Die Korrekturen, die die katholische Kirche in der Folge des letzten Konzils in der Heiligenverehrung gemacht hat, erläuterte der katholische Liturgiewissenschaftler Benedikt Kranemann (Erfurt). Entgegen manchen Auswüchsen der Völksfrömmigkeit, in denen durchaus die Gefahr bestand, dass Heilige ein Rolle spielen, die ihnen nicht zusteht, habe die Kirche die Heiligenverehrung wieder auf ihren Kern, das Christusgeheimnis hin ausgerichtet. Heilige seien geschichtliche Zeugen der universalen Berufung zur Heiligkeit. Ihr Leben und Wirken steht zeichenhaft für Christus.

Aus katholischer Sicht haben die Heiligen bereits Anteil am verheißenen Erbe und geben den Menschen auf der Erde damit die Hoffnung, einst selbst Anteil daran zu haben. In diesem Sinne sind sie auch Fürsprecher. Kritisch fragte Kranemann, ob dieses theologische Verständnis den normalen Gläubigen wirklich präsent ist. Beispielsweise zeige der Einsatz einer Barbara-Figur beim Beginn der Bohrarbeiten für den City-Tunnel in Leipzig zwar eine gewisse Sehnsucht der Menschen nach einem Beschützer. Doch ein solch magisches Verständnis spreche dafür, dass die Theologie möglicherweise noch nicht in der Volksfrömmigkeit angekommen ist.



Im Wortlaut - Heiligenverehrung in der katholischen Kirche
Aus der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils:

104. In diesen Kreislauf des Jahres hat die Kirche auch die Gedächtnistage der Märtyrer und der anderen Heiligen eingefügt, die, durch Gottes vielfältige Gnade zur Vollkommenheit geführt, das ewige Heil bereits erlangt haben, Gott im Himmel das vollkommene Lob singen und Fürsprache für uns einlegen. In den Gedächtnisfeiern der Heiligen verkündet die Kirche das Pascha- Mysterium in den Heiligen, die mit Christus gelitten haben und mit ihm verherrlicht sind. Sie stellt den Gläubigen ihr Beispiel vor Augen, das alle durch Christus zum Vater zieht, und sie erfleht um ihrer Verdienste willen die Wohltaten Gottes ...

108. Die Herzen der Gläubigen sollen vor allem auf die Herrenfeste hingelenkt werden, in denen die Heilsgeheimnisse das Jahr hindurch begangen werden. Daher soll das Herrenjahr den ihm zukommenden Platz vor den Heiligenfesten erhalten, damit der volle Kreis der Heilsmysterien in gebührender Weise gefeiert wird ...

111. Die Heiligen werden in der Kirche gemäss der Überlieferung verehrt, ihre echten Reliquien und ihre Bilder in Ehren gehalten ... Die Feste der Heiligen sollen nicht das Übergewicht haben gegenüber den Festen, welche die eigentlichen Heilsmysterien begehen. Eine beträchtliche Anzahl von ihnen möge der Feier in den einzelnen Teilkirchen, Nationen oder Ordensgemeinschaften überlassen bleiben, und nur jene sollen auf die ganze Kirche ausgedehnt werden, die das Gedächtnis solcher Heiligen feiern, die wirklich von allgemeiner Bedeutung sind.

Aus dem vatikanischen Direktorium über die Volksfrömmigkeit und die Liturgie:

212. Schließlich gilt es zu bekräftigen, dass das höchste Ziel der Heiligenverehrung die Verherrlichung Gottes und die Heiligung des Menschen ist, durch ein dem göttlichen Willen ergebenes Leben und durch die Nachahmung der Tugenden jener, die herausragende Jünger des Herrn waren. Deshalb müssen die Gläubigen in Katechese und anderen Formen der Weitergabe des Glaubens über Folgendes belehrt werden: Unsere Beziehung zu den Heiligen muss im Licht des Glaubens begriffen werden. Sie darf "die Anbetung, die Gott dem Vater durch Christus im Heiligen Geist dargebracht wird", nicht verringern, sondern muss "diesen vielmehr reicher gestalten". "Die echte Heiligenverehrung besteht nicht so sehr in der Vielfalt äußerer Akte als vielmehr in der Stärke unserer tätigen Liebe", welche in der Pflichterfüllung des christlichen Lebens umgesetzt wird.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 7 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 15.02.2007

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