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Anstoß

Querverbindung der Gottesliebe

"Wo die Liebe ist, da ist Gott"

Pater Damian Meyer

Der langjährige Pfarrer meines Dorfes war ein angesehener Mann. Er galt als sehr fromm, weil er sich viel Zeit für das Beten nahm. Wir sahen ihn oft ins Brevier vertieft langsam über den Friedhof gehen oder in der Kirche vor dem Allerheiligsten knien. Er war sehr korrekt und pflichtbewusst und "verwaltete" die Gemeinde auf vorbildliche Weise: Er war für die Leute da, feierte die Liturgie, spendete die Sakramente, kümmerte sich um die verschiedenen Vereine der Pfarrei. Aber er war bei den Leuten nicht beliebt, weil er ihnen zu wenig seine Zuwendung und Liebe zeigte. Wir sprachen ihm keineswegs die Nächstenliebe ab, aber wir hatten den Eindruck, seine Frömmigkeit, seine Liebe zu Gott ist zu direkt, zu "vertikal" ausgerichtet. Vielleicht war er zu gehemmt, seine Liebe zu uns zu zeigen.

Wir alle wissen: Gottesliebe und Nächstenliebe gehören untrennbar zusammen. Das hat Jesus in Wort und Tat klar gezeigt. Die Theologen haben darüber viel Kluges und Tiefes geschrieben. Erst die Nächstenliebe macht unser Leben schön und bunt und anziehend. Und:"Wo die Liebe, da ist Gott."

Ich finde die folgende Geschichte aus Indien sehr schön und überzeugend: "Zwei Mönche lebten im Tal des Himalaya. Jeder bewohnte seine eigene Hütte und widmete sich seinen frommen Übungen. Sie lasen die Veden, die heiligen Schriften, schwiegen allezeit und sprachen nicht miteinander, denn keiner besuchte den anderen. Aber viele andere Menschen besuchten diese Mönche und staunten über ihren strengen Lebensstil und ihre Heiligkeit. Eines Tages kam Gott zu einem von ihnen und fragte ihn nach dem Weg, der zu dem anderen führt. Den Weg zum anderen wisse er nicht, sagte dieser. Da ging Gott traurig zum Himmel zurück. Nach langen Jahren starben diese heiligen Mönche, und ihre Hütten bleiben verwaist. Eines Tages zogen zwei Ureinwohner in die beiden Hütten ein. Sie machten einen Weg, um die Hütten zu verbinden, um sich täglich besuchen zu können. Gott kam wieder herab und sah zu seinem Erstaunen einen Weg zwischen den beiden Hütten. Voll Freude wandelte er von einer Hütte zur anderen, und als er weggegangen war, wuchs ein herrlicher Blumenteppich auf den Spuren seiner Schritte" (nach Willi Hoffsümmer).

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 6 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 13.02.2007

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