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Bistum Görlitz

Alles, was atmet, lobe den Herrn

Die Psalmen sind auch heute von verblüffender Aktualität: Bibelkurs in Cottbus

Ausdruck des Glaubens und der Zuversicht: Die Bibelleser tanzen den jüdischen Mayim-Schritt. Foto: Andreas Schuppert Cottbus (as) - Rund 30 Christen aus dem Bistum trafen sich am 26. und 27. Januar zum Bibelkurs im Cottbuser St.-Johannes- Haus. Im Mittelpunkt standen die Psalmen: Eine nicht ganz einfache Lektüre.

Für Priester und Ordensleute gehören sie zum täglichen Stundengebet. Auch Laien beten inzwischen regelmäßig die Psalmen, das Gebetbuch der jüdischen Glaubenschwestern und -brüder. Für viele sind sie aber doch ein Buch mit sieben Siegeln. Zu aggressiv, zu martialisch. Kann Gott so hart strafen? Auf die Teilnehmer am Bibelkurs, der in diesem Jahr zum zehnten Mal stattfand, wartete deshalb ein gutes Stück Arbeit. "Wir feiern ein kleines Jubiläum", ist Pfarrer Dr. Alfred Hoffmann stolz darauf, dass sich "dieser Kreis" schon so lange hält. Und immer noch weiter wächst.

In den Psalmen, so der Domkapitular, spiegelt sich die gesamte menschliche Existenz wieder: Trauer und Freude, Schuld und Vergeben, Segen und Fluch. Der Mensch hadert mit Gott, wenn ihm offensichtliches Unrecht widerfahren ist, dankt ihm aber auch, wenn es ihm gut geht. Vielen Teilnehmern sind vor allem die Verfluchungen fremd. "Aber", so Pfarrer Hoffmann, "vor Gott kann man alles rauslassen, Aggressionen, die sich womöglich gegen andere wenden würden. Gott kann man sogar beleidigen."

In kleinen Gruppen versuchen sich die Bibelleser den Texten zu nähern. "Wo spricht der Psalm mich besonders an. In welchem Licht erscheinen Gott und die Menschen, oder ich selbst?" Nur einige Fragen, die bei der Lektüre eine Rolle spielen.

Für Helene Scheibner aus Cottbus sind es gerade die schwierigen Stellen, die herausfordern. "Deshalb bin ich hier, um eben das zu verstehen, was unklar ist." Hildegard Hörbrich meint, dass die Psalmen von "verblüffender" Aktualität sind. "Es ist sicher nicht immer unsere Sprache. Aber die Erfahrungen der Menschen ähneln sich. Sie sind gut und böse und bedürfen der Erlösung." Und Brigitte Kubala aus Frauendorf hat in den Texten sogar eine "therapeutische Wirkung" entdeckt, weil der Beter ein Gegenüber hat, dem er sich anvertrauen kann.

Dennoch bleiben Fragen: Warum greift Gott nicht ein, wenn Unrecht geschieht, warum lässt er den Menschen leiden? "Unsere Gerechtigkeit ist vielleicht nicht immer Gottes Gerechtigkeit", versucht jemand zu erklären. Die Psalmen stecken voller Sprengstoff, geistlicher Tiefe, umgreifen alle Facetten des Lebens.

Die Teilnehmer des Bibelkurses lesen zum Abschluss den 150. und letzten Psalm, an dessen Ende es heißt: "Alles, was atmet, lobe den Herrn!" Freunde und Feinde scheinen in der Anbetung Gottes vereint. Für Pfarrer Hoffmann ist dies ein großer Trost. Die dunklen und verschlungenen Lebenswege klären sich in Gottes Barmherzigkeit auf, werden hell und klar. Beim Hymnus zur Vesper tanzen die Frauen und Männer den jüdischen Mayim-Schritt, Ausdruck des Glaubens und der Zuversicht. Denn Klagen kann Gott auch in Tanzen verwandeln. Obwohl einige Psalmen schwer zu verdauen sind, empfiehlt Pfarrer Hoffmann, sie zu lesen, weil sie das Leben beten. "Auf jeden Fall sollte man aber bei einem Geistlichen Rat suchen, wenn man Schwierigkeiten mit den Texten bekommt."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 5 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 01.02.2007

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