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Bistum Erfurt

Gottesbezug nicht nötig?

Forum zur Situation der Kirche in Frankreich / Mögliche Folgen für die Europäische Verfassung

Erfurt - Im Blick auf die Zukunft der katholischen Kirche in Europa spielt die Situation in Frankreich eine wesentliche Rolle. Ein Kolloquium über "Religion in der französischen Öffentlichkeit" widmete sich kürzlich diesem Thema.

Fragt man nach der Entwicklung von Kirche und Theologie unter den Bedingungen der europäischen Gesellschaften der Gegenwart, so ist die Situation in Frankreich von Interesse. Dies gilt umso mehr, als sie seit 100 Jahren durch die strikte Trennung von Staat und Kirche, aber auch durch eine starke gesellschaftliche Präsenz katholischer Institutionen (zum Beispiel Schulen) und Gruppen geprägt ist. Ein Kolloquium an der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt im Dezember versuchte, die Situation in Frankreich zu beleuchten.

Erfahrungen mit der strikten Trennung von Kirche und Staat (laicité / Laizität) und sich daraus ergebende Schlussfolgerungen für die Ausgestaltung der Europäischen Verfassung stellte der Bischof von Troyes und Präsident von Pax Christi France, Marc Stenger, vor. Seiner Auffassung nach kommt es gar nicht so sehr darauf an, dass das Wort "Gott" in der Präambel vorkommt. Viel wichtiger sei der Artikel 51 im Teil 1 (Grundsätze, Ziele und Zuständigkeiten der Union) des Verfassungsentwurfs, in dem sich die Union verpflichtet, den historisch gewachsenen Status der Kirchen und religiösen Gemeinschaften in den Mitgliedsländern zu respektieren und "einen offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog mit ihnen" zu pflegen.

Stenger machte deutlich, dass sich die Kirche in Frankreich heute mit der 1905 festgeschriebenen Trennung von Kirche und Staat ausgesöhnt hat. (Der Begriff "laicité / Laizität" wurde erstmals in der Verfassung von 1946 verwandt. Danach ist Frankreich eine république laique.) "Die Kirche in Frankreich möchte heute gar nicht mehr, dass diese Trennung aufgehoben wird", so Stenger. Auch wenn es lange Jahre eine "pragmatische Aussöhnung mit dem Unvermeintlichen" gewesen sei, habe man inzwischen "eine neue Art des gemeinsamen gesellschaftlichen Lebens" entwickelt.

Seit 1905 strikte Trennung von Kirche und Staat

Nach dem Gesetz von 1905 über die strikte Trennung von Kirche und Staat durften Glaube und Religion nur noch in der Familie und hinter Kirchenmauern praktiziert werden, jedoch nicht im öffentlichen Leben. Die kirchlichen Gebäude gingen in das Eigentum des Staates oder der Kommunen über. Kirchliche Güter wurden Vereinen übertragen. Der christliche Glaube wurde aus den öffentlichen Schulen verbannt. Stenger: "Die Laizisten dachten, der Kirche damit das Todesurteil zu sprechen." Zugleich sicherte das Gesetz den Menschen aber die freie Ausübung ihres religiösen Bekenntnisses und die Gewissensfreiheit zu.

Die katholische Kirche Frankreichs erlebte den Erlass des Gesetzes zunächst als Katastrophe. Doch im Laufe der Jahre, zuletzt 2004, wurde das Gesetz acht Mal angepasst, so dass von einer laicité ouverte, also einer offenen, liberal ausgestalteten Laizität des französischen Staates gesprochen werden könne.

Heute, so Stenger, kommt es nicht darauf an, als Kirche darum zu kämpfen, den alten Besitz und die alte Rolle zurückzuerlangen. Vielmehr gehe es darum, in einer weltlich geprägten Gesellschaft die eigene Rolle neu zu entdecken und die Chancen zu nutzen. Während eine Gruppe von ideologischen Laizisten noch immer das Ende der Kirche herbeiführen wolle (diese Position wird mit laicisme / Laizismus beschrieben), verlangt die staatliche laicité "nur die Anerkennung der Gesetze".

"Der Staat kann nicht Sinn vermitteln, sondern nur für liberté, égalité und fraternité sorgen", so Stenger. Die Kirche hingegen könne den Glauben an Gott vorschlagen (Initiative "proposer la foi"), so Sinn anbieten und als Vermittlerin etwa zwischen Staat und Islam auftreten, was in der Öffentlichkeit gern angenommen werde. "Die Geschichte hat die Kirche in die Mitte der Gesellschaft gestellt, ohne dass sie Macht und Einfluss hat", so der Bischof. Und: "Es war nie leichter, Sakrament in der Gesellschaft zu sein."

Deshalb hätten die französischen Bischöfe bislang auch nicht um den Gottesbezug in der Europäischen Verfassung gekämpft. Wichtig sei aber, dass Artikel 51 aus Teil 1 des Verfassungsentwurfs beschlossen werde, nach dem die Kirchen als Gesprächspartner bei der Schaffung Europas respektiert werden. Diese Position werde inzwischen in etwa auch vom Heiligen Stuhl bei den Bemühungen um die Verfassung vertreten.

Kritische Anfragen zu dieser Position Stengers kamen bei dessen Vortrag vom Erfurter Bischof Joachim Wanke, der unter den Zuhören saß. Der Bischof und der Leiter des Katholischen Büros Thüringen, Ordinariatsrat Winfried Weinrich, machten deutlich, wie sehr auch klare gesetzliche Regelungen und festgelegte Rahmenbedingungen eine Hilfe sein können, dem christlichen Auftrag gerecht zu werden. Es sei etwa zu fragen, ob man sicher sein könne, dass "die heutige Selbstrelativierung des französischen Staates auf Dauer bestehen bleibt". Wenn die Kirche Sakrament sein wolle, brauche sie dafür auch das äußere Zeichen eines "Gehäuses". Er stelle die Frage, so Bischof Wanke, ob die Kirche im Blick auf Europa "ohne institutionelle Absicherungen gut beraten ist" und auf Dauer "rein prophetisch, spirituell über die Runden kommen" könne.

Frankreichs Kirche sieht Chancen in der Laizität

Der Historiker Winfried Becker aus Passau stellte im Rahmen des Kolloquiums die Entstehung und Entwicklung christlicher Gewerkschaften und Parteien im 19. und 20. Jahrhundert vor. Ein Beispiel moderner öffentlicher Liturgie in Frankreich gab der Liturgiewissenschaftler Arnaud Join-Lampert von der Universität Louvain-La- Neuve (Löwen) mit der "doppelten Begräbnisfeier" von Präsident Francois Mitterand 1996. Astrid Reuter, Erfurt, sprach über eine Studie zum Islam in Frankreich und Deutschland. Gabriel Henry und die Schlacht von Jena und Auerstedt (1806) war das Thema von Johannes Bronisch aus Jena.

Das Kolloquim fand im Rahmen des vom Bundesmisterium für Bildung und Forschung geförderten Projekts "Mobilisierung von Religion in Euopa" statt.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 3 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 19.01.2007

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