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Bistum Erfurt

Religion ist kein aussterbender Bär

Eichsfeldforum diskutierte über Pressefreiheit und den Umgang mit Religion

Heiligenstadt - Karrikaturenstreit, Popetown oder Berichte über kirchliche Ereignisse – immer wieder einmal wird Medien vorgeworfen, religiöse Gefühle zu verletzen. Wie groß der Gesprächsbedarf dazu zwischen Medienmachern und Mediennutzern ist, zeigte eine Veranstaltung in Heiligenstadt.

Für den Umgang mit Religion in den Medien sollte es nach Ansicht des Erfurter Theologen Michael Gabel keinen besonderen Bestandsschutz geben. "Es wäre für die Religion tödlich, sie wie einen aussterbenden Bären zu schützen", sagte Gabel bei einer Veranstaltung des Eichsfeldforums in Heiligenstadt unter dem Titel "Hauptsache, das Thema kommt an ...? Religion, Pressefreiheit und Menschenwürde". Gabel stellte den Medienmachern damit allerdings keinen Freibrief aus: "Für einen angemessenen Umgang mit religiösen Fragen gilt das, was für den Umgang mit anderen Themen auch gilt: Notwendig sind Achtung und Respekt." Der freie und verantwortlich handelnde Mensch müsse mit Vernunft auch an religiöse Fragen herangehen. "Freiheit bedeutet nicht, dass man alles machen kann. Was ich tue, muss vernünftig sein und die Hoffnung in sich tragen, dem Guten zu dienen." Diese allgemeinen Grundsätze gelten auch für das Verhältnis von Pressefreiheit und Religion, übrigens nicht nur, was das Christentum betreffe, sondern auch den Islam.

Zustimmung in der Theorie, Probleme im Alltag

Diesen theoretischen Grundsätzen des Theologen stimmten die beiden Medienmacher auf dem Podium – Dirk Löhr von der Thüringer Allgemeinen und Matthias Gehler von Mitteldeutschen Rundfunk – ohne Weiteres zu. Gehler, evangelischer Theologe und in der DDR aufgewachsen – unterstrich aus seinen Erfahrungen in der Redaktionsarbeit von MDR 1 Radio Thüringen, dass die Journalisten selbst durch ständige kritische Betrachtung ihrer Arbeit das "hohe Gut der Pressefreiheit schützen".

Dirk Löhr, der sich als Ungläubiger bezeichnete und in einem Nebensatz auch den Respekt vor seinem Unglauben einforderte, kritisierte die schnelle Verallgemeinerung bei der Kritik an den Medien. "Es gibt nicht die Medien, ebensowenig wie es den Leser gibt." Für die Arbeit in seiner Redaktion unterstrich er, dass stets die Interessen der Leser im Blick seien. "Wir verkaufen uns nicht am Kiosk über schnelle Schlagzeilen, sondern zu 90 Prozent im Abonnement." Um gelesen zu werden, sei sorgfältige Berichterstattung notwendig: "Wir wären ja blöd, unsere Leser zu beleidigen oder ihre Gefühle zu verletzen."

In der Theorie scheint der Umgang mit Religion und Pressefreiheit klar. Die Probleme treten allerdings im hektischen Redaktionsalltag auf: "Ich habe kein Handbuch auf meinem Schreibtisch liegen, in dem steht, was vernünftig ist", sagte Löhr. Journalisten würden auch Fehler machen. Kritikwürdige Berichterstattung hätte ihre Ursache fast immer in der Dummheit der Journalisten und nicht – wie häufig unterstellt — in "lange geplanten Intrigen".

Weltjugendtag – Beispiel für die Lernfähigkeit der Medien

Die Diskussion zeigte, wie groß der Gesprächsbedarf ist. Die Themen Meinungsmache und Manipulation durch Medien wurden ebenso angesprochen wie die Sensationsgier: "Sie haben verlernt, vom Normalen zu berichten." Zur Sprache kamen aber auch Beispiele für die Lernfähigkeit der Medien, etwa die Berichterstattung vom Weltjugendtag in Köln. Hatten die Medien hier im Vorfeld das Thema "Der Papst ist gegen Kondome" im Blick, zeigte die tatsächliche Berichterstattung dann ein durchaus der Sache angemessenes Bild, so Gabel.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 3 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 19.01.2007

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