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Aus der Region

Den Glauben vorschlagen

Jesuitenpater Knüfer über seine Erfahrungen mit ostdeutschen Nichtchristen

Pater Bernd Knüfer Leipzig - Seit Mitte der 90er Jahre gibt es in Leipzig die Kontaktstelle "Orientierung". Jesuitenpater Bernd Knüfer hat sie mit aufgebaut und geleitet. Kürzlich gab er die Leitung ab. Der Tag des Herrn sprach mit ihm über seine Erfahrungen bei der Begegnung mit ostdeutschen Nichtchristen.
Pater Knüfer, Sie haben bei Ihrer Verabschiedung als Leiter der Kontaktstelle Orientierung gesagt: Wer so viel mit Nichtchristen zu tun hat wie ich, kann sich in den herkömmlichen christlichen Kreisen nicht mehr so leicht bewegen. Was meinen Sie damit?
    Ich möchte nicht missverstanden werden, aber die Probleme, mit denen man sich in den frommen Kreisen beschäftigt, unterscheiden sich gravierend von den Fragen der Nichtchristen. Ein Beispiel: Die binnenkirchlichen Diskussionen über liturgische Vorschriften haben nahezu nichts mit dem normalen Leben zu tun. Da wird darüber diskutiert, ob man diesen oder jenen Text verwenden dürfe oder nicht. Ich möchte nicht die Substanz der Liturgie in Frage stellen. Ich bin froh, wenn ich mit einer Gruppe von Rand- und Nichtchristen überhaupt einen Gottesdienst feiern kann und mir dabei eine Gestaltung gelingt, die die Leute verstehen, so dass sie sagen können: Ja, das hat etwas mit meinem Leben zu tun.
    Kürzlich hatte ich ein Wochenend- Seminar in der Volkshochschule über Entscheidungsfindung. In der Gruppe waren ein Katholik, ein Taufbewerber, ein paar Evangelische; die meisten waren konfessionslos. Denen habe ich gesagt, dass ich am Wochenende gewöhnlich einen Gottesdienst feiere. Und unsere Gruppe hat sich dann geeinigt, dass wir gemeinsam einen Wortgottesdienst feiern. Alle haben teilgenommen. Wir haben uns über den Advent unterhalten und Adventslieder gesungen. Ich weiß nicht, was meine Kollegen dazu sagen, wenn ich an einem solchen Wochenende erst am Sonntagabend oder vielleicht gar nicht die heilige Messe feiere...
    Wir haben innerkirchlich zum Teil Probleme, die an der Lebenswirklichkeit vorbeigehen. Ich meine damit dies: Im binnenkirchlichen Raum herrscht so ein bestimmtes Treibhausklima das fast wie beim Hospitalismus zur Entwicklung typischer Binnenprobleme führt: zum Beispiel Konfliktunfähigkeit und Schwierigkeit mit kollegialem Zusammenarbeiten, Angst vor dem Thema Sexualität, Rivalitäten. Das ist vielleicht zu vergleichen mit Bakterienstämmen, die sich nur unter Krankenhaus- Bedingungen entwickeln können. Und der Außenstehende fragt sich: Was soll denn das? Die haben dann andere Probleme, aber über unsere wundern sie sich doch sehr.
Hat Sie die Begegnung mit nichtchristlichen Menschen verändert?
    Ich habe mich natürlich verändert, zumindest hoffe ich das. Welche Veränderung auf welche Ursache zurückzuführen ist, ist schwierig zu klären. Der Kontakt mit den Nichtchristen hat mich vor allem gelehrt, auf die wesentlichen Dinge unseres Glaubens zu achten und auch die Frage nicht aus den Augen zu verlieren: "Was hilft der Glauben, dieser Glaubenssatz, das Leben und den Tod zu bewältigen." Diese Konzentration ist sehr hilfreich, denn sie macht auch das eigene Glaubensleben viel substantieller.
Ich darf noch einmal aus Ihrer Ansprache zitieren: Dialog setzt voraus, dass beide Seiten sich verändern. Wie weit geht Ihre Veränderungsbereitschaft?
    Am Anfang meiner Ordenslaufbahn gab es im Vatikan Kardinal Augustin Bea. Der war Präsident des Sekretariates für die Einheit der Christen. Er hat damals gesagt: Eine Einheit der Kirchen kann nicht darin bestehen, dass die evangelische Kirche zur katholischen Kirche zurückkehrt. Die Einheit der Kirche kann nur darin bestehen, dass sich beide Kirchen weiterentwickeln, so dass eine neue Einheit entsteht. Das ist eine Perspektive, die für einen evangelischen Christen leichter akzeptierbar ist, weil sie ihn als Partner ernst nimmt.
    Das kann man natürlich nicht eins zu eins auf den Dialog mit Nichtchristen übertragen, denn ich bin nicht bereit, mich dahingehend zu verändern, dass ich meinen Glauben aufgebe. Aber ich glaube, dass es zu Gott viele verschiedene Zugänge gibt. Wir haben einen begrenzten, historisch und persönlich eingeengten Blickwinkel, mit dem wir von der Wirklichkeit Gottes nur einen schmalen Ausschnitt sehen, auch wenn wir katholische Kirche sind. Im Laufe der Kirchengeschichte haben wir beispielsweise auch verschiedene Christusbilder mit unterschiedlichen Akzenten gehabt.
    Der Dialog mit Nichtchristen bringt mich dazu, anders auf Gott zu schauen. Viele von ihnen können etwa mit dem unbildlichen Gottesbild des Dornbusches (Ich bin der Ich-bin-da) oder mit dem Gottesbild der Mystiker ("Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Jetzt noch Hier", Angelus Silesius) viel mehr anfangen als mit unseren bildhaften Darstellungen Gottes. Wir verwenden ja sehr viele menschliche Bilder, wenn wir über Gott sprechen. Nicht wenige stellen ihn sich als den großen Über-Papa vor, der er nun einmal nicht ist. Im Gespräch mit Nichtchristen lernt man, Gott noch einmal viel anders zu sehen, nicht so naiv selbstverständlich von ihm zu reden und nichts von seiner unendlichen Unfassbarkeit wegzustreichen.
Betreiben Sie Mission?
    Ich sage hemmungslos: Ich betreibe Mission. Aber ich möchte, dass man Mission richtig versteht. Deshalb benutze ich das Wort Mission kaum, vor allem nicht in außerkirchlichen Kreisen, denn das Wort wird weitgehend mit physischem und geistigem Zwang verbunden. Vor allem christliche Sekten und fundamentale Kreise praktizieren bis heute Mission so, dass sie Gewissensängste schüren und mit der Hölle drohen, wenn ihnen einer nicht glauben will.
    Im Gegensatz dazu möchte ich Mission betreiben in dem Sinn wie es die französischen Katholiken entworfen haben: Den Glauben vorschlagen, anbieten, werben, mitteilen. Für mich steht im ersten Petrusbrief ein ganz wichtiger Satz (1 Petr 3.14-16): "Seid jederzeit bereit, Auskunft zu geben, wenn einer Rechenschaft verlangt über die Hoffnung, die euch erfüllt. Tut dies bescheiden und respektvoll." Dazu gehört für mich die Einheit von Mission, Caritas und Bildungsarbeit. Und es gehören dazu Demut und Ehrfurcht vor der Meinung des Andersdenkenden.
Braucht der ostdeutsche Durchschnitts-Bürger überhaupt Religion?
    Die religiöse Botschaft kommt tatsächlich nur bei einer Minderheit der Ostdeutschen an. An der Formulierung, sie seien religiös unmusikalisch, ist viel dran. Ich meine damit: Jeder Mensch – das gehört unverzichtbar zu seiner Geistigkeit – ist auf das Unendliche und auf den Unendlichen angelegt. Aber alle geistigen Fähigkeiten des Menschen müssen im Laufe seiner Entwicklung im Dialog mit der Umwelt, besonders mit den Eltern, geweckt werden. Ein Kind, mit dem die Eltern nie singen, wird später kaum die richtigen Noten treffen. Ähnlich ist es, wenn Fragen wie "Woher kommt das? Wer hat das gemacht? Wohin geht die Oma, wenn sie stirbt?" keine Antworten finden, und wenn das Kind nur in die banale Wirklichkeit eingeführt wird. Dann fragt das Kind bald nicht mehr nach solchen Dingen. Sein religiöser Horizont bleibt verschlossen.
Kann man religiöse Fragen bei unseren nichtchristlichen Mitmenschen wieder wecken?
    Ja. Man muss aber auf den günstigen Augenblick warten. Das geht oft nur im Zusammenhang mit sehr intensiven Erfahrungen, seien es nun schöne oder erschütternde Erlebnisse. Und es gehört dazu eine längere Beziehung. Man muss ein Stück Leben mit dem anderen teilen, um mit ihm über Grund und Ziel des Lebens sprechen zu können. Auch müssen wir die Offenheit für die Frage nach Gott unterscheiden von der Frage, ob es eine Chance gibt, die Menschen für die Kirche zu interessieren. Da gibt es einen großen antiinstitutionellen Affekt. Das ist nicht nur ein Kirchenproblem, sondern geht durch die ganze Gesellschaft. Manches hat die Kirche durch weltfremdes Verhalten aber auch selbst zu verantworten. Da sind für unsere Mitmenschen die Schwellen schon sehr hoch. Freundlichkeit allein hilft da nicht. Wichtig ist vor allem eins: Wenn ich vom Glauben rede, dann müssen die Menschen das Gefühl haben, dass das etwas mit ihnen zu tun hat. Diese Erfahrung mache ich immer wieder: Wenn bei einem Prediger die Menschen merken, der redet über unsere Probleme, der kann uns Impulse geben ohne uns zu bevormunden, dann kommen sie auch.

Fragen: Matthias Holluba




Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 3 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 19.01.2007

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