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Anstoß

Allein sein oder nicht?

Das richtige Maß an Beziehungen

Susanne Schneider

"Ich sitze daheim und warte, bis mich jemand anruft", so klagte kürzlich ein Mann. "Aber es ruft so selten jemand an!" So wie ihm geht es vielen Menschen: Sie wünschen sich Beziehungen, Austausch, gemeinsame Unternehmungen. Sie möchten nicht allein ins Gewandhaus oder in die Oper gehen. Sie möchten nach einem Kinobesuch noch in einer Kneipe mit einem anderen Menschen etwas trinken und sich austauschen.

Andere klagen jetzt nach den Feiertagen über das Gegenteil: "So viel Familie, wie an Weihnachten, das ist ja nicht auszuhalten! Wie froh bin ich, wenn ich wieder in den eigenen vier Wänden sitze und meine Ruhe habe. Endlich kann ich wieder machen, was ich will, brauche keine Rücksicht nehmen, bin nur auf mich selbst gestellt."

In beiden Fällen leiden diese Menschen unter der Art ihrer Beziehungen: Die einen sind unersättlich nach Kontakt und Austausch, die anderen sind übersättigt. Bei beiden stimmt das Maß nicht.

Jeder Mensch hat in Punkto "Beziehung" ein bestimmtes Maß, das seiner Person und augenblicklichen Lebenssituation entspricht. Dieses Maß kann erfüllt oder auch überschritten werden. Wenn dieses gute Maß auf Dauer nicht eingehalten wird, hat das negative Auswirkungen. Man wird unzufrieden und im Umgang mit anderen schwierig. Die einen, indem sie sich übereifrig an andere hängen; die anderen, indem sie sich zurückziehen.

Entlastung kann dann eintreten, wenn man erkennt, zu welchem Typ man selbst neigt und dann versucht, seine Grenzen zu erweitern. Dazu kann es hilfreich sein, mit anderen Menschen darüber zu sprechen, wo Nähe angesagt ist und wo Abstand eingehalten werden muss. Dann kann man in kleinen Schritten versuchen, seinen Alltag zu ändern.

Auch an unserer Kontaktstelle in der Hainstraße in Leipzig sind die Kontakte und Beziehungen ein wichtiges Thema. Einzelne warnen wir dringend vor weiteren Terminen und Kontakten. Wir raten ihnen, beispielsweise im "Raum der Stille" das Alleinsein auszuhalten und zu üben. Andere, die Leute treffen und sich engagieren möchten, verweisen wir an die Freiwilligenagentur, an die Caritas oder in die Pfarreien Leipzigs.

So möchten wir dazu beitragen, dass jeder Mensch sein Maß findet und seine Beziehungen, seien sie zahlreich oder wenige, als schön und aufbauend erlebt.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 2 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 12.01.2007

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