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Bistum Magdeburg

Eine Chance für den Abschied

Diakon Olbert und Pfarrerin Treu über den neuen Abschiedsraum im Krankenhaus Salzwedel

Die evangelische Pfarrerin Bärbel Treu und Diakon Holger Olbert freuen sich über den Abschiedsraum im Krankenhaus Salzwedel. Dieser bietet Angehörigen von Verstorbenen die Möglichkeit, sich in würdiger Atmosphäre von ihren Lieben zu verabschieden. Foto: Christel Schwerin Salzwedel - Der Tod ist heute für viele Menschen ein Tabuthema. Dass dies nicht so bleiben muss, darum mühen sich die Krankenhausseelsorger Diakon Olbert und Pfarrerin Treu in Salzwedel. Im dortigen Krankenhaus gibt es seit einem halben Jahr einen Abschiedsraum.

"Tod ist bei vielen ein Tabuthema", das ist die Erfahrung von Krankenhausseelsorger Diakon Holger Olbert und seiner evangelischen Kollegin Bärbel Treu. Seit dem Jahr 2000 stehen beide nicht nur für konfessionell gebundene Menschen als Ansprechpartner zur Verfügung, hören zu, stehen zum Gespräch bereit, bieten Hilfe im Umgang mit toten Angehörigen an und beten gemeinsam mit den Hinterbliebenen.

Der Tod gehört zum Leben, so die Erfahrung der Seelsorger. Er lässt sich trotz Hochleistungsmedizin und modernster Therapiemöglichkeiten nicht ausblenden. Angehörige müssen ebenso wie Ärzte und Schwestern damit zurechtkommen. Wie schwer das sein kann, hat Pfarrerin Treu selbst beim plötzlichen Tod ihres Vaters erfahren. Damals fehlte im Krankenhaus Salzwedel ein Abscheidsraum. In der Folge entstand ihr Wunsch, in der Klinik einen solchen Raum einzurichten.

Abschiednehmen als Weg in die Trauerbewältigung

"Der plötzliche Tod eines Angehörigen zieht den Menschen den Boden unter den Füßen weg", sagt sie. "Das Abschiednehmen kann ein Trittstein auf dem Weg der Trauer sein." An ihrer Arbeitsstelle stieß sie mit ihrem Anliegen zunächst auf wenig Resonanz. In einer Region, wo Abschiedsrituale jahrzehntelang in Vergessenheit geraten sind und viele Menschen keine Beziehung zum Glauben haben, spürte sie durchaus Vorbehalte.

"Doch das hat sich in den vergangenen sechs Jahren sehr zum Positiven verändert", bestätigt auch Diakon Holger Olbert. "Es ist gut, dass es nun die Möglichkeit gibt, in Würde Abschied zu nehmen." Damit hebt sich das Krankenhaus von der weit verbreiteten Praxis wohltuend ab, Verstorbene mit Hilfe der Tag- und Nachtbereitschaft der Bestattungsunternehmen schnellstmöglich aus dem Blickfeld zu entfernen. ""Wenn die Angehörigen beim Sterben nicht zugegen waren, fehlt ihnen oft etwas. Den Verstorbenen sehen, berühren, fühlen, hilft oft, das Unbegreifliche anzunehmen. Deshalb ermutige ich die Leute, Abschied zu nehmen", sagt Treu.

Dem Leben zugewandte Atmosphäre

Der erst im September vergangenen Jahres eröffnete Abschiedsraum, in dem die Toten aufgebahrt werden, ist hell und freundlich. Ein Engel auf einem Chiffontuch schmückt den Raum. Kerzen, Leuchter, Korbsessel und zwei Collagen, die Mechthild Magerl aus Clenze gespendet hat, schaffen eine tröstliche, dem Leben zugewandte Atmosphäre. "Die Angehörigen können so lange bleiben, wie sie es brauchen", sagt Pfarrerin Treu. Dass das Krankenhaus damit einem steigendem Bedürfnis entgegenkommt, freut die beiden Seelsorger besonders. "In den vergangenen vier Monaten ist der Raum schon häufig nachgefragt worden."

Eine Rolle für den zunehmenden Wunsch, sich von den eigenen Toten zu verabschieden, spielt nach ihrer Einschätzung die Arbeit der Hospizbewegung. Nach Angaben der Hospizstiftung wünschen sich 90 Prozent der Menschen, zuhause zu sterben, für 80 Prozent wird dies jedoch nicht Wirklichkeit. Der Abschiedsraum sei da eine Hilfe, den Tod dennoch als Bestandteil des Lebens anzunehmen und mit der Endlichkeit des eigenen Lebens zu rechnen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 2 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 12.01.2007

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