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Aus der Region

Qualifiziert und doch arbeitslos

Auch die gute Ausbildung hat zehn Fachkräfte nicht vor Alg II bewahrt

Halle (ep). Mit ihrer Tochtergesellschaft Cariteam bietet die Caritas in Halle 34 Langzeitarbeitslosen Ein-Euro-Jobs an. Zehn der Maßnahmeteilnehmer, die alle eine akademische Ausbildung haben, arbeiten am mit der Arge konzipierten Projekt "Medienjahrhundert" – mit wenig Begeisterung.

Zu einem Gespräch für einen Zeitungsbeitrag sind die zehn Maßnahmeteilnehmer, ober besser die sechs von ihnen, die heute anwesend sind, nicht bereit. Und schon gar nicht zu einem Foto. Einer von ihnen sagt nur soviel: "Keiner von uns ist freiwillig hier, wir wurden hierher gewiesen." Und: "Alle Artikel ändern sowieso nichts."

"Unsere Teilnehmer glauben an nichts mehr", sagt Cariteam- Projektleiter Klaus Wand. "Dafür bietet die Politik ja auch allen Anlass. Jeder unserer Teilnehmer hat zahllose Bewerbungen geschrieben. Sie empfinden sich als mit einer Maßnahme abgespeist. Und das kränkt sie zutiefst."

Die zehn Langzeitarbeitslosen im Alter von 28 bis 48 Jahren haben alle einen akademischen Abschluss. Bewusst wurde für diesen Personenkreis in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft (Arge) SGB II Halle GmbH nach einer Aufgabe gesucht, die ihrer Qualifikation entspricht, und deshalb im Rahmen der Arbeit der Gemeinnützigen Gesellschaft zur Arbeitsförderung "Cariteam" das Projekt "Medienjahrhundert" entwickelt.

Tief gekränkt, nicht gebraucht zu werden

"Wir sind damit bestrebt, den Betreffenden bewusst etwas anzubieten, was eine sinnvolle Ergänzung ihrer Biografie ermöglicht", sagt Caritas-Geschäftsführer Winfried Weber. "Dabei gilt es, das Beste für die Teilnehmer zu erreichen, zugleich einen sozialen Mehrwert zu erzielen und die Maßnahmen ohne jeden Cent an kirchlichen Mitteln zu bewerkstelligen."

Sechs weitere Maßnahmeteilnehmer bei Cariteam, alle unter 26 Jahren und mit guten Informatik- Kenntnissen, betreuen am Nachmittag an gleicher Stelle Jugendliche im Mediencafe – mit wachsendem Zuspruch. Und ebenfalls im Haus von Cariteam arbeiten 18 ALG II-Empfänger, unter ihnen zwölf Frauen, in der Caritas-Möbel-, Hausrats- und Kleiderbörse.

Montags bis freitags von 8 bis 13 Uhr sollen die Maßnahmenteilnehmer des Projekts "Medienjahrhundert" an der "Geschichte der Medien" arbeiten. Dafür wurden drei kleine Arbeitsgruppen gebildet, die zu den Themenfeldern Fotografie, Printmedien sowie Rundfunk, Fernsehen forschen und eine Broschüre für Schulen erstellen sollen. Zudem sollten Anschauungsstücke gesucht werden.

"Unsere Teilnehmer waren in Bibliotheken, haben im Internet recherchiert, gescannt und geschrieben und so auch einiges zusammengetragen", sagt Projektleiter Wand. "Und sie haben an Kursen der Landesmedienanstalt teilgenommen – mit unterschiedlicher Resonanz." Zudem haben die Frauen und Männer Gelegenheit, am Bewerbungstraining teilzunehmen.

Dankbar für den zusätzlichen Euro

"Wer zwei Jahre zu Hause war, tut sich schwer, mit dem normalen Arbeitsrhythmus zurecht zu kommen. Unsere Maßnahme ist dafür eine Hilfe", sagt Geschäftsführer Weber. Dennoch melden sich immer wieder Maßnahmeteilnehmer krank. Zwar seien die von der Arge zugewiesenen Langzeitarbeitslosen für den zusätzlichen Euro pro Stunde (Ein-Euro-Jobs) dankbar, weil sie ihn brauchen (Klaus Wand: "Es herrscht wirkliche Armut."), die Motivation dieser Gruppe sei dennoch nicht besonders gut.

"In unseren Leuten steckt viel Frust", betont Projektleiter Wand. "Sie sind verärgert etwa über solche Aussagen wie: Wenn jemand qualifiziert ist, wird er nicht arbeitslos. Sie selbst sind schließlich das beste Gegenbeispiel."

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 2 des 57. Jahrgangs (im Jahr 2007).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 12.01.2007

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