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Bistum Erfurt

Die Kultur des Weihnachtsfestes

Eine Veranstaltung im Erfurter Karstadt-Warenhaus

Gäste des Abends im Karstadt Erfurt: Bischof Joachim Wanke, Hartmut Kacmarek von der Thüringer Landeszeitung und Professor Wolf Wagner. Foto: Till Haufs Alljährlich laden im Advent das Katholische Forum im Land Thüringen und das Karstadt- Warenhaus in Erfurt zu einer gemeinsamen Veranstaltung ein. In diesem Jahr ging es um die Frage "Christ nur zur Weihnachtszeit?"

Nachdenkliche Christen und Nichtchristen haben es schwer, mit den vielen Formen säkularisierter Frömmigkeit zur Weihnachtszeit umzugehen. Die Verweltlichung eines christlichen Festes mit seinem Konsumzwang und der säkularisierten Weihnachtsmann-Symbolik auf der einen, der Sehnsucht der Menschen nach christlichen Werten wie Nächstenliebe, Familie und Geborgenheit zum anderen, lässt die Frage aufkommen, was es eigentlich bedeutet, "Christ nur zur Weihnachtszeit" zu sein. Unter dieser Überschrift hat das Katholische Forum gemeinsam mit dem Karstadt-Warenhaus Erfurt zu einem Diskussionsveranstaltung mit dem Erfurter Bischof Joachim Wanke und dem Politologie- Professor Wolf Wagner eingeladen, die vom stellvertretenden Chefredakteur der Thüringischen Landeszeitung (TLZ) Hartmut Kaczmarek moderiert wurde.

Jeder Zehnte kennt die Bedeutung des Festes nicht

Die Zahlen einer kürzlich veröffentlichen Umfrage im Auftrag der Zeitschrift Funkuhr sprechen eine klare Sprache über die Bedeutung der Kirchen zur Weihnachtszeit. Jeder zweite Deutsche plant, zu Weihnachten einen Gottesdienst zu besuchen, unter den Katholiken sind dies sogar 71 Prozent. Große Unterschiede gibt es zwischen den alten und den neuen Bundesländern: Wollen im Westen rund 55 Prozent der gesamten Bevölkerung zu Weihnachten in die Kirche gehen, sind es im Osten nur 28 Prozent. Eine andere, durchaus erschreckende Zahl: Jeder Zehnte kennt die Bedeutung des Weihnachtsfestes nicht, feiert den Winteranfang oder die Auferstehung Christi.

Der Erfurter Bischof Joachim Wanke freut sich dennoch über die vollen Kirchen zu Weihnachten und hat nichts dagegen, dass die vielen Kirchgänger zunächst nur ein "saisonales" Phänomen sind. "Menschen, die nur zu Weihnachten in die Kirchen kommen, sollten wir nicht verurteilen, sondern uns darüber freuen, dass es so viele sind, die den Weg fi nden." Zahlreiche unterschiedliche Motivationslagen bringen diese Menschen zu Weihnachten in die Kirche. Ob es die Erinnerung an die eigene Kindheit ist oder ob es Menschen sind, die nie in ihrem Leben die Chance hatten, "die christliche Sprache zu lernen", und nun eine Verbindung zwischen dem Treiben auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt und dem Geschehen im Dom herstellen, Weihnachten ist eine immer Chance, die Kirchentüren zu öffnen und die Menschen hinzuführen auf das weihnachtliche Geheimnis, geliebt zu werden und nicht allein zu sein.

Diskutiert wurde auf der Veranstaltung der Aspekt des weihnachtlichen Konsums. Muss es wirklich sein, dass schon im September die Geschäfte geschmückt werden und Weihnachtsartikel die Regale füllen? Der Erfurter Karstadt- Direktor Günter Borkenhagen und der Hochschulprofessor Wolf Wagner vertraten hier eine sehr liberale Ansicht: Für Borkenhagen entscheidet der Kunde, und wer keine Weihnachtsartikel im September will, braucht sie auch nicht zu kaufen! Auch Wagner wies darauf hin, dass Freiheit auch immer die Freiheit mit einschließt, das Dumme zu tun.

Christliche Werte prägen die Weihnachtszeit

Es sind – bei allem Konsum und bei allen nicht-religiösen Bräuchen, die das heutige Weihnachtsfest durchdringen – durchaus christliche Werte, die Menschen zu dieser Jahreszeit beschäftigen. Die erhöhte Bereitschaft, zu Weihnachten sich ansprechen zu lassen von fremder Not, die sich zum Beispiel auch in den neuen Ländern mit großer Spendenbereitschaft äußert, oder die Bereitschaft, sich mit Gaben und Geschenken der eigenen Familie zuzuwenden, dies alles zeigt, wie deutlich christliche Werte nach wie vor zu Weihnachten vorhanden sind. Natürlich sieht Bischof Wanke auch Gefahren, "denn wenn den Dingen der Sinn verloren geht, entstehen leere Hüllen". Hier liegt eine zentrale Aufgabe für die Kirche, für die Theologie, eine Vorbildfunktion einzunehmen und in der Kultur des Weihnachtsfestes auch den Kult deutlich zu machen. "Die kulturellen Werte der Feste sind wie Mäntel, die wir anderen hinhalten, damit sie hineinschlüpfen können".

Zum Abschluss der Diskussion wurde Bischof Wanke gefragt, was denn für ihn persönlich das Wichtigste und Prägnanteste an Weihnachten sei: Für ihn ist es die Möglichkeit, loslassen zu können im Wissen aufgefangen zu werden, was man besonders zu Weihnachten üben kann, um eines Tages das ewige Weihnachten zu erfahren.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 51 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 01.01.2007

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