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Nikolaus, Christkind oder Weihnachtsmann?

Zur Geschichte der Bescherung am heiligen Abend

Gotha - "Morgen Kinder wird‘s was geben" ist der Titel einer kleinen Sonderausstellung im Schloss Friedenstein in Gotha. Der Besucher erfährt dort allerlei über die Geschichte der weihnachtlichen Bescherung.

Äpfel, Süßigkeiten und Nüsse am Weihnachtsbaum, darunter die Puppenstube und der Kaufmannsladen, dazu ein paar Zinnsoldaten, eine Modelleisenbahn und ein paar neue Kleidungsstücke – so oder ähnlich hat es wohl am Heiligen Abend in vielen deutschen Wohnstuben vor ein paar Jahrzehnten ausgesehen. Bis heute ist die Bescherung der Kinder zum Weihnachtsfest ein nicht wegzudenkendes Ritual, auch wenn der Weihnachtsbaumschmuck und die Geschenke oft etwas aufwändiger sind. Dabei ist der Brauch der familiären Weihnachtsbescherung noch gar nicht so alt. Er entwickelte sich erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Wer in Gotha das Schloss Friedenstein besucht und sich die Zeit nimmt, die Sonderausstellung über die "Kulturgeschichte der weihnachtlichen Bescherung" anzusehen, erfährt darüber so allerlei.

Luther ersetzte Nikolaus durch Christkind

Der Brauch, sich um den Jahreswechsel Geschenke zu machen, ist schon sehr alt. Er reicht zurück bis in die Antike, wo Erwachsene Glückwünsche zum Jahreswechsel austauschten. Die Bescherung vor allem für Kinder im Zusammenhang mit dem Weihnachtsfest entwickelte sich im Mittelalter. Hier gab es sogenannte Bescherungsspiele, bei denen Nikolaus, Knecht Ruprecht, Petrus oder der Erzengel Gabriel von Haus zu Haus zogen und unter den Kindern Äpfel, Nüsse, Süßigkeiten und Pfefferkuchen verteilten.

Die Entwicklung des Heiligen Abends zum häuslichen Kinderfest setzte mit Martin Luther ein. Bis zur Reformation war der Nikolaustag (6. Dezember) der Bescherungstag. Im Jahr 1535 verlegte Luther in der Folge der Ablehnung der katholischen Heiligenverehrung diesen Brauch auf das Weihnachtsfest und setzte an die Stelle des heiligen Nikolaus das – übrigens ursprünglich weibliche – Christkind. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts fand das Christkind auch in katholischen Gegenden Verbreitung. Und während es heute in protestantischen und säkularisierten Regionen vom Weihnachtsmann verdrängt ist, ist es in den katholischen Haushalten oft noch das ursprünglich protestantische Christkind, das für die Geschenke der Kinder sorgt.

Coca Cola machte den Weihnachtsmann bekannt

Wichtig für die Entwicklung des Weihnachtsmannes ist der Maler Moritz von Schwind. Er zeichnete 1847 für den Münchner Bilderbogen einen Herrn Winter, der am Weihnachtsabend mit Kapuzenmantel, Gabensack und Tannenbäumchen durch die Straßen zieht. Der Weihnachtsmann, so wie er heute mit seinem langen weißen Bart und der rot-weißen Mütze und Robe aus der Adventsund Weihnachtszeit nicht wegzudenken ist, entstand um 1920. Seinen Siegeszug verdankt er der Firma "Coca Cola": Der Zeichner Haddon Sundblom griff die rotweiße Gestalt auf und zeichnete in Auftrag von "Coca Cola", deren Firmenfarben rot und weiß sind, ab 1931 Jahr für Jahr einen Werbeweihnachtsmann – bis 1966.

So wie sich die Gestalt des Gabenbringers mit der Zeit verändert hat, so sind auch die Geschenke andere geworden: Zu den ursprünglichen Äpfeln, Süßigkeiten und Nüssen gesellten sich etwa ab dem Jahr 1800 Kleidungsstücke und verschiedenste Spielzeuge. Die Auswahl der Spielzeuge wurde dabei oft von den Erziehungsidealen der jeweiligen Zeit bestimmt. So diente die Puppe etwa als Lehr- und Schauobjekt für Mädchen, während sich die Jungen mit einem Kaufmannsladen in Warenkunde und Rechnen üben konnten oder mit Zinnsoldaten, "Wehrspielzeug" (Drittes Reich) oder Plastiksoldaten (DDR) für das Militär begeistert wurden. Die Weihnachtsgeschenke sollten dazu beitragen, dass aus dem Mädchen einmal eine treusorgende Hausfrau, Mutter und Gattin wird. Bei der Erziehung der Jungen standen die gesellschaftliche und berufliche Laufbahn im Mittelpunkt: Hier ging es um körperliche Ertüchtigung, logisches Denken, Forschergeist und Tapferkeit. Die Gothaer Ausstellung bietet einen ganze Reihe von Beispielen für solche Weihnachtsgeschenke aus verschiedenen Zeiten.

Puppentöpfe aus Gasmaskenfiltern

Freilich konnte nicht jede Familie ihren Kindern am Heiligen Abend einen reich gedeckten Gabentisch präsentieren. Oft musste an die Stelle von teurem Spielzeug Selbstgebasteltes treten. Und wenn für neue Kleidung das Geld nicht reichte, taten es auch umgearbeitete Sachen der größeren Geschwister. Ob arm oder reich, ab Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Weihnachtsbescherung für die Kinder in jeder Familie ihren Platz. Daran konnte die Einstellung der Spielzeugproduktion im Winter 1942/43 genausowenig ändern wie der Mangel in der Nachkriegszeit. Dann wurden halt ein paar Gasmaskenfilter zu kleinen Töpfen und Pfannen für die Puppenküche umgearbeitet.



Informationen

Die Ausstellung im Schloss Friedenstein in Gotha ist bis 9. Januar dienstags bis sonntags vom 10 bis 16 Uhr geöffnet.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 50 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 20.12.2006

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