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Anstoß

Schuldig – unschuldig

Der Sinn des Schuldbekenntnisses

Susanne Schneider

"Immer diese Schuldzuweisungen!" – so empörte sich kürzlich in einer Gesprächsgruppe ein Mann. "Es kann doch nicht sein, dass ich durch und durch schlecht bin!" "Im Fernsehen, in der Öffentlichkeit, im privaten Gespräch, überall wird mir gesagt, dass ich anders handeln müsste, dass ich Fehler gemacht habe ..." Auch die anderen in der Gruppe pflichteten ihm bei: "Ja, in der Kirche ist das besonders schlimm: Das lange Schuldbekenntnis am Beginn der Messe, da wird mir immer ganz heiß vor Zorn!" "Gibt es denn am Beginn des Gottesdienstes nur Schlechtes, das ich mitbringe?" "Und laufend wird mir gesagt, ich sei ein Sünder und sei nicht in Ordnung." "Die wollen doch nur, dass wir klein bleiben und uns nicht gegen schlechte Predigten oder andere Dinge wehren."

So ging es eine ganze Weile. Ich spürte förmlich, dass die Leute unter der Last des "Sünder-Seins" litten. Es dauerte eine Weile, bis sich diese emotionale Welle verzogen hatte. Langsam setzte wieder Ruhe ein und es folgte ein gutes Gespräch über das Thema "Schuld / Sünde".

Was ist gemeint, wenn wir am Beginn jeder heiligen Messe bekennen, Sünder zu sein? Vielleicht ist es gut, zunächst zu bedenken, was nicht damit gemeint ist: Wir sind nicht total schlecht und rabenschwarz. Wir sind nicht im Gottesdienst, um uns selbst und den anderen die Lebensfreude zu verderben. Wir bekennen unsere Schuld auch nicht, um uns in einer Art masochistischer Anklage gegen uns selbst zu wenden und dabei Lust oder Freude zu spüren. Und es geht auch nicht darum, falsche Schuldgefühle zu entwickeln und zu fördern, die einengen und klein und unfrei machen.

Es geht beim Schuldbekenntnis am Beginn der heiligen Messe und wohl auch sonst im Christentum darum, zuzugeben, dass wir – im Unterschied zu Gott – in Schuldzusammenhängen leben und auch selbst durch unsere persönlichen Taten zur Schuld / Sünde auf der Welt beitragen.

Wir sind also Sünder. Doch diese Tatsache soll uns nicht entmutigen oder niederdrücken. Es gibt darauf von Gott eine Antwort und die heißt Vergebung. Dies ist der Sinn des Schuldbekenntnisses am Beginn der Messe: Wir sehen realistisch unsere Schuld und bekennen sie sogar, weil wir wissen, dass Gott uns vergibt.

So vergewissern wir uns der Güte Gottes und lassen uns von ihm heilen. Dabei ist es sehr ratsam, die Aufmerksamkeit nicht so sehr auf das eigene Versagen zu lenken, sondern vielmehr auf die Barmherzigkeit Gottes. Er heilt unsere Wunden und vergibt unsere Schuld.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 49 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 06.12.2006

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