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Aus der Region

Ethik kontra Forschung?

Theologe berichtet über die politische Ethikberatung der EU-Kommission

Erfurt - Die Ethikberatergruppe bei der EU-Kommission (EGE) nimmt Stellung zu ethischen Aspekten der Forschung. Mitglied Günter Virt berichtete bei einer Gastvorlesung an der Katholisch-Theologischen Fakultät Erfurt von der schwierigen Arbeit mit der Festlegung ethischer Grenzen.

Ob das Patentieren von Stammzellen, die Embryonenforschung oder das Anlegen von Nabelschnurblutbanken: Die Biotechnologie drängt in immer neue Bereiche vor und wirft dabei gleichzeitig schwierige ethische Fragen auf. Die EGE muss darauf verlässliche Antworten fi nden, denn ihre Position soll als Grundlage für politische Entscheidungen auf europäischer Ebene dienen.

Der Wiener Moraltheologe Günter Virt ist seit 2001 Mitglied in der unabhängigen Expertengruppe in Brüssel. Vor den zahlreichen Zuhörern im Erfurter Hörsaal Kilianikapelle berichtete der Österreicher davon, dass es in der seit vergangenem Jahr 17-köpfi - gen Gruppe keineswegs leicht ist, zu einem möglichst einstimmigen Ergebnis zu kommen. "In so einem Gremium rückt einem der ethische Pluralismus unweigerlich auf die Pelle", so der Hochschullehrer über die verschiedensten Vorstellungen der Mitglieder, was ethisch vertretbar ist und was nicht.

Der beste Weg zu einem Konsens beginne schon bei eindeutigen Begriffl ichkeiten, machte Virt am Beispiel der Patentierung von "embryonalen" und "menschlichen" Stammzellen deutlich. Bereits hier entscheide sich die Frage, ob das Embryonalstadium zum Menschsein dazugehört oder nicht. "Jene Güter, die für das Menschsein wichtig sind, gilt es herauszuarbeiten und zu schützen", so der Moraltheologe über seinen Ansatz. "Das läuft meist auf eine ethische Güterabwägung hinaus."

Im Fall des Stammzellenpatents kam der 66-Jährige zu dem Schluss: "Der Embryo gehört zum Leben dazu." Deshalb war er auch – als Einziger – gegen die Stellungnahme, die die Beratergruppe im Jahr 2002 zu "Ethischen Aspekten der Patentierung menschlicher embryonaler Stammzellen" verabschieden wollte. Seine Meinung musste schließlich in die Stellungnahme "opinion no. 16" mit aufgenommen werden. Das bedeutete für ihn einen ethischen Erfolg, zumal sich auch das europäische Patentamt stark an der strengeren Haltung des Theologen orientierte.

Bei der Frage der Einführung von Nabelschnurblutbanken ("opinion no. 19") hingegen entschied sich Virt für die neuen technologischen Möglichkeiten. "Die Zellen im Nabelschnurblut sind einfach flexibler."

"Meine Motivation ist auch die Hoffnung, dass sich das ethisch Richtige als medizinisch Richtiges und gesellschaftlich Tragbares herausstellt", sagt Virt. "Die Theologie kann dafür zusätzliche Argumente liefern, im Prinzip ist die Basisethik aber ausreichend."

Die Mitglieder der EU-Ethikberatungsgruppe seien nicht frei von äußeren Einfl üssen, so Virt. "Die EGE sollte sich nicht drängen lassen, den politischen ‚Kompromiss‘ ethisch vorwegzunehmen", mahnt der Theologe, der parallel in der Ethikgruppe des Europarates arbeitet, zur Unabhängigkeit. Neben Politikern seien es vor allem Vertreter der Wirtschaft, die in Brüssel nach Einflussmöglichkeiten suchen.

Was Lobbyarbeit bewirken kann, zeigte Virt an einem letzten Beispiel, der in naher Zukunft zu erarbeitenden "opinion no. 22" über Forschungsgelder für Stammzellforschungsprojekte. Während er selbst eher für Tierversuche sei, "um die Menschen erst einmal vor Risiken zu schützen", gebe es auch die Fraktion der Tierschützer. Wenn deren Lobby sehr stark werde, könne es dazu kommen, dass die Tierversuche zurückgedrängt werden – auf Kosten der Versuche am Menschen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 48 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 01.12.2006

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