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Aus der Region

Das Gruselkabinett

Katholische Kirche foordert Auseinandersetzung mit Gubener "Plastinarium"

Dient das Plastinarium der Wissenschaft oder kommerziellen Interessen? Mit der öffentlichen Werkstatt für die Präparation von Leichen bleibt der Anatom Gunther von Hagens weiter umstritten. Foto: Andreas Schuppert Guben - Jeder Widerstand scheint zwecklos. Der Anatom Gunther von Hagens hat am 17. November in Guben sein "Plastinarium" eröffnet, in dem er Leichen und Leichenteile zur Schau stellt – und hat die ethische Diskussion damit wieder neu entfacht.

"Erst kommt das Fressen, dann die Moral." Bertold Brecht hätte wohl kaum vermutet, dass seine drastische Selbsterhaltungs-Psychologie im Nachkriegsdeutschland irgendwann so gewaltig durchschlagen würde. Leichen und Leichenteile werden öffentlich zur Schau gestellt, um angeblich wissenschaftliche Zwecke zu erfüllen, aber vor allem, um in einer strukturschwachen Region Arbeitsplätze zu schaffen und die Lebenden wieder in Lohn und Brot zu bringen. "Das blanke Gruselkabinett", erschrickt sich eine junge Besucherin, die durch das "Plastinarium" in der alten Gubener Tuchmacherei geht. Von einem "Paradigmenwechsel in der deutschen Totenkultur", spricht der Görlitzer Diözesanadministrator Hubertus Zomack – bei dem auch die letzten Tabus im Umgang mit dem Sterben und dem Tod gebrochen werden.

Keine Versprechungen gemacht

Gunther von Hagens, Anatom und Schöpfer der Ausstellung "Körperwelten", hat nach langem Hin und Her seine Pläne wahr gemacht und im brandenburgischen Guben eine "Plastinationswerkstatt" mit "Schauraum" eröffnet. Dabei stand deren Verwirklichung lange auf der Kippe. Wie umstritten das Projekt war, zeigte unter anderem die Abstimmung im Gubener Stadtparlament im April diesen Jahres, bei der sich die Befürworter gerade mal mit einer Stimme mehr durchsetzten. Dennoch waren es vor allem Kommunalpolitiker, die Gunther von Hagens die Türen öffneten. Aber, das muss man dem Anatom zugute halten, versprochen hat er nichts: Das jedoch 200 Arbeitsplätze entstehen könnten, wolle er nicht verneinen, schrieb er im Dezember 2005 an die Stadtverordneten. Die Erwartungen sind inzwischen so groß, dass von Hagens nicht mehr zurück kann.

Die Auseinandersetzungen um das Für und Wider der Werkstatt und der Ausstellung sind damit allerdings nicht beendet. Erklärte Gegner des Vorhabens wie die evangelische Pfarrerin Irene Brockes werden schon mal aufgefordert, "ihre Koffer zu packen" und die Stadt zu verlassen. Als regelrechtes "Sozialmobbing" bezeichnete die Cottbuser Superintendentin Heilgard Asmus die Auseinandersetzung. Andere Gegner seien durch Anrufe bedroht worden.

Michael Domke, evangelischer Pfarrer in Guben und Begründer des "Aktionsbündnisses für Menschenwürde", hält diese Meldungen allerdings für übertrieben. Das Argument für mehr Arbeitsplätze sei ohnehin nur die eine Seite der Medaille. Der Pfarrer äußert sogar Verständnis für die Menschen, die in der Plastinationswerkstatt einen Job gefunden haben. "Wenn man zwölf Jahre lang arbeitslos ist, dann ist man froh, endlich wieder eine neue Aufgabe zu haben." Das Problem liege tiefer. "Was wir beobachten, ist eine zunehmende Verrohung der Gesellschaft, in der die Achtung vor der Würde und Einzigartigkeit eines jeden Menschen immer mehr abnimmt." Gunther von Hagens versuche zudem zu provozieren, Tabus zu brechen. Dahinter stecke jedoch nicht wissenschaftliches, sondern zu allererst ein handfestes finanzielles Interesse.

Darauf macht auch die Deutsche Gesellschaft für Pathologie (DGP) aufmerksam. Die sensationsheischende Wanderausstellung "Körperwelten" verletze die grundgesetzlich garantierte Würde des Menschen, kritisierte seinerzeit Professor Manfred Stolte, Pressesprecher der DGP. Der frühere Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Ernst Benda, hält die Schau nicht nur ethisch, sondern auch rechtlich für fragwürdig. Ein Einzelner, so Benda , der auch Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentages war, habe mit Ausnahme von Organspende und Spende für die Wissenschaft kein Verfügungsrecht über seinen Körper. Ob das Plastinarium in Guben deshalb überhaupt mit dem brandenburgischen Friedhofsrecht konform geht, kann weder die Mitarbeiterin in der Ausstellung, die die Verfügungsformulare vorstellt, noch Marketingleiterin Gabi Scharkowski beantworten.

Faszination des Diabolischen

Die Ausstellung in Guben haben am ersten Wochenende nach der Eröffnung nach Angaben der Veranstalters mehr als 4000 Menschen gesehen. Es ist die Faszination des Diabolischen, die offensichtlich dazu antreibt, auch die letzten Geheimnisse zu lüften. Gunther von Hagens Plastinarium ist somit das Spiegelbild einer Gesellschaft, in der der Anatom nur ein Rädchen zu sein scheint, in der die Kraft der Bilder stärker geworden ist als die der Worte, das gierige Hinschauen stärker als das Nachdenken. Das Plastinarium, das viele dann doch mit einem gewissen Unbehagen betreten, ist somit Ausfluss einer Medienkultur, in welcher der Todeskampf eines Menschen genauso selbstverständlich dargestellt wird wie sie die Möglichkeit bietet, andere umzubringen – wenn es auch "nur" virtuell am Computer ist. Für Pfarrer Michael Domke liegt hier der eigentliche Niedergang. "Die Schwelle wird immer niedriger. Und wir sind am Ende entsetzt über Amokläufer in den Schulen", spielt er auf die jüngsten Ereignisse in Emsdetten an.

Rein wissenschaftlich betrachtet lässt sich die Methode Gunther von Hagens als bahnbrechend bezeichnen. Bei dem Verfahren wird die menschliche Gewebeflüssigkeit, Fett und Wasser, vollständig durch Kunststoffe ersetzt. Je nach verwendetem Stoff – Silikonkautschuk, Epoxidharz oder Polyester – sind die Präparate hart oder flexibel, transparent oder undurchsichtig. Sie sind auf Dauer konserviert und behalten dabei ihre natürliche Struktur mit mikroskopischer Genauigkeit. In Guben sollen in Zukunft vor allem Plastinate hergestellt werden, bei der die Leichen in Scheiben zersägt werden. Der Besucher der Werkstatt erhält Einblicke in die Prozesse der Plastination und die verschiedenen Präparationstechniken. Die Produktion ist jetzt auf 2500 Quadratmetern angelaufen, 3,5 Millionen Euro hat von Hagens investiert. Die Werkstatt soll aber mit Hilfe von einheimischen Firmen so rasch wie möglich auf 10 000 Quadratmeter ausgebaut werden. Die Stadt hofft somit auch auf eine Belebung des Tourismus in der Region.

Fragen nach der Würde der Toten tauchen nicht mehr auf. Die sterbliche Hülle ist nur noch Material – mehr nicht. Dass hier auch eine jahrhundertelange Begräbniskultur, die die Einzigartigkeit des Individuums selbstverständlich annahm, den Bach runtergeht, scheint nicht zu interessieren. Pfarrer Michael Domke und seine Mitstreiter haben das Konsistorium der evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz angerufen, um prüfen zu lassen, ob von Hagens Plastinarium nicht gegen den Verfassungsgrundsatz von der Unverletzlichkeit der menschlichen Würde verstößt. Schon am Eröffnungstag der Ausstellung hat eine Mahnwache des Aktionskreises darauf hingewiesen. Domke hält auch ein regelmäßiges Totengedenken für möglich, vielleicht eine wöchentliche Andacht, bei der Kerzen für die Toten angezündet werden, die ein paar Meter weiter "zersägt, zerschnitten und zerschreddert werden."

"Wo kommen die Leichen her?"

Dass Gunther von Hagens dauerhaft in Guben tätig wird, daran besteht kein Zweifel mehr. Seine Angaben fördern jedoch zuweilen Kurioses zu Tage – zum Lachen, wenn es nicht eigentlich zum Weinen wäre: Von Hagens will fünf Jahre lang pro Jahr eine Millionen Scheiben herstellen. Nach eigener Darstellung produziert er aus einer Leiche 20 "Scheiben". "Das sind dann 25 000 Leichen", rechnen Meert und Dieter Stoll den Lesern der Gubener Lokalzeitung vor. "Wo kommen die Leichen her?" Da die Scheiben nur 20 Millimeter dick seien, gebrauche er nur zehn bis 20 Prozent einer Leiche. "Der Rest ist Abfall." Der Gubener Gemeindereferent Gregor Freitag bestätigt, dass angesichts solcher Widersprüche die öffentliche Kritik wächst. Die offene Begeisterung des Anfangs mache mehr und mehr kritischen Fragen Platz.

Als erledigt kann der Fall also nicht betrachtet werden. Auch wenn Kommunalpolitiker wie der Landrat des Spree-Neiße-Kreises, Dieter Friese (SPD), eine Beendigung der Debatte fordern, hat die ethische Diskussion wohl gerade erst begonnen. Der Diözesanadministrator des Bistums Görlitz, Hubertus Zomack, hat die Christen dazu aufgerufen "den Tabubruch im Umgang mit Tod und Sterben nicht hinzunehmen" und einen breiten gesellschaftlichen Diskurs angeregt, nicht nur punktuell, sondern grundsätzlich.

Ob das in Guben gelingen wird, bleibt abzuwarten. Der Leidensdruck vieler Bürger ist inzwischen so groß, dass sie jeden Job annehmen würden. Die Stadt mit ihren 30 000 Einwohnern vor der Wende hat ein Drittel seiner Bürger verloren. Viele Christen in Guben wollen dafür kämpfen, dass Brecht nicht Recht behält.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 48 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 01.12.2006

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