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Bistum Erfurt

Radegunde und die Frau heute

Im Erfurter Stadtmuseum wird eine Ausstellung zu Leben und Werk der heiligen Radegunde gezeigt

Erfurt ( jak/stmu) - Die heilige Elisabeth ist in Thüringen weit bekannt. Von der heiligen Radegunde hingegen wissen die wenigsten. Jetzt wird die große Thüringerin mit einer Ausstellung im Erfurter Stadtmuseum neu ins Bewusstsein der Menschen gebracht.

"Mit unserer Radegunde-Ausstellung gehen wir zurück an die Wurzeln unserer Kultur", betont der Direktor des Erfurter Stadtmuseums Harry Eidam. "Dies ist nicht nur spannend sondern auch erhellend, und wir haben dabei Radegunde ein klein wenig vom Sockel geholt, sie ist endlich wieder Mensch geworden und als solcher wird sie eigentlich noch viel größer", sagte Eidam weiter. Ihm und seinen Mitarbeitern gelang es in den zurückliegenden Jahren 29 Leihgeber aus dem In- und Ausland für die Radegunde-Ausstellung zu gewinnen. Mit ihren Exponaten ist es noch bis zum 7. Januar 2007 möglich, eine Zeitreise ins alte Thüringer Reich und in das Frankreich Radegundes zu unternehmen.

Konflikt zwischen Thüringern und Franken

Radegunde war eine Thüringer Prinzessin und lebte im 6. Jahrhundert, mitten in einer geistes- und weltgeschichtlich bewegte Zeit. Die Thüringer – ein alter germanischer Stamm – herrschte im Gebiet vom Thüringer Becken bis hin zur Unstrut. Teile des Volkes – besonders die Oberschicht – waren bereits Christen geworden, allerdings Arianer. Das heißt sie sahen in Christus nicht die göttliche Person, den Sohn Gottes. Nachbarn der Thüringer waren die christlich gewordenen Franken und die noch heidnischen Sachsen. Und gerade die Franken entwickelten sich in Radegundes Zeit immer mehr zur politisch bestimmenden Kraft in Mitteleuropa. Konflikte waren vorprogrammiert. Im Jahr 531 schließlich unterlag das Königreich Thüringen dem Ansturm der Franken. Eine neue Ära begann, das Gebiet gehörte fortan zum Frankenreich. Dieser Sieg ging mit einer teilweisen Deportation thüringischer Bevölkerung einher und brachte thüringischfränkische Eheverbindungen.

Die wichtigste Kriegsbeute war Radegunde. König Chlothar brachte sie ins Frankenreich, ließ sie erziehen, ausbilden und heiratete sie um 540. Durch die Heirat wurden die Franken legal Herrscher Thüringens. Nach der Ermordung ihres Bruders durch Chlothar vollzog Radegunde um 555 mit dem Eintritt ins Kloster die Trennung vom Frankenkönig. Dieser versuchte mehrfach sie zurückzugewinnen, wohl aus Prestigegründen. In Poitiers gründete sie das Frauenkloster Sainte- Croix.

Radegunde wagt es, nach ihrer Überzeugung zu leben

Engen Kontakt pflegte Radegunde zu den berühmten Dichtern Gregor von Tours und Venantius Fortunatus. Letzterer verfasste das Klagelied der Radegunde, in dem der Untergang des Thüringer Reiches emotional und dramatisch geschildert wird. Es ist der Beleg dafür, dass die Königstochter, die ihre thüringische Heimat nie wieder gesehen hat, ihre traumatischen Kindheitserlebnisse nie verarbeiten konnte.

Als Christin wagte Radegunde in einer von Männern dominierten Welt nach eigenen Überzeugungen zu leben, trotzte Standes- und politischen Zwängen. Radegunde wurde als Volksheilige Symbolfigur für den christlichen Glauben und eine neue Ethik.

Die in Erfurt gezeigte Ausstellung versammelt erstmals einen Teil der persönlichen Hinterlassenschaften Radegundes aus dem Kloster Sainte-Croix Poitiers, die noch nie Frankreich verlassen hatten. Dazu kommen archäologische Kostbarkeiten der thüringischfränkischen Kultur und zahlreiche bibliophile Prachtstücke, wie das älteste Buch Europas, der "Ambrosius- Codex" aus der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts. Der Codex und weitere kostbare Bücher sind eine Leihgabe aus dem Benediktinerstift St. Paul in Kärnten. Der Leiter des Stiftsmuseums, Pater Gerfried Sitar, würdigte Radegunde bei der Eröffnung als eine Frau, die bis heute im interkonfessionellen Dialog Bedeutung hat und ein Beispiel ist. Radegunde verweise mit ihrem ganzen Leben auf die Bedeutung der Frau in Kirche und Gesellschaft. Frauen, so Pater Gerfried weiter, haben wie Radegunde zu allen Zeiten einen wichtigen Dienst in der Kirche geleistet. Jetzt komme es darauf an, in neue Dimensionen vorzustoßen. Konkret sprach er das Diakonat der Frau an.



Informationen

Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, mittwochs von10 bis 22 Uhr. Das Stadtmuseum befindet sich im "Haus zum Stockfisch", Johannesstraße 169

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 46 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 20.11.2006

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