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Anstoß

"Das Leben ist, wenn die Sonne scheint"

Ohne Licht gibt es kein Leben

Pater Damian Meyer

An dunklen Herbst- und Wintertagen spüren wir, was uns fehlt: Sonne und Licht. Am frühen Abend eines nebligen Novembertages habe ich mich zur Betrachtung in unseren Meditationsraum zurückgezogen. Eine einzelne Kerze erleuchtet den Raum. Hier spüre ich, was Licht bedeutet: Es erleuchtet, es wärmt und tröstet. Erst im Kontrast der Polaritäten Licht und Finsternis, Licht und Schatten können wir Licht wahrnehmen und erfahren. Wer Licht erkennen will, muss auch die Finsternis zulassen. In unseren von Verkehrsleuchten und Werbeschildem hell erleuchteten Großstädten können wir kaum noch erleben, was Finsternis heißt. In absoluter Finsternis verlieren die Dinge ihre Konturen, ihre Identität und Verlässlichkeit. Wir verlieren jegliche Orientierung und fürchten uns.

Nach dem ersten Schöpfungsbericht der Bibel schafft Gott zuerst das Licht, noch bevor er die "Leuchten", Sonne und Mond, an den Himmel stellt. Es ist der Notenschlüssel für die ganze schöne Melodie der im Sechs-Tage-Werk geschaffenen Dinge. Damit erhält die Welt eine klare und verlässliche Ordnung und wird so erst zum Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen. Eine siebenjährige Schülerin hat es einmal so ausgedrückt: "Das Leben ist, wenn die Sonne scheint." Das scheint eine recht ungeschickt formulierte Definition von Leben zu sein, aber sie trifft den Kern: Ohne Licht gibt es kein Leben!

Was für den Bereich der Natur zutrifft, gilt auch für unser geistliches Leben. Jesus Christus ist in die Welt gekommen als "das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet"(Joh 1,9). Er sagt von sich: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben (Joh 8,12)". Licht bedeutet Orientierung, aber auch Verlässlichkeit und Sicherheit. Wer sich an das Licht, das Christus ist, hält, der geht nicht in die Irre. Gott selbst ist Licht (vgl. l Joh 1,5) und lässt den Glaubenden teilhaben an seinem Licht. So kann Jesus zu seinen Jüngern sagen: "Ihr seid das Licht der Welt" (Mt 5,14). Als Menschen des Lichtes bereichern und fördern wir unser eigenes Leben und das unserer Mitgeschöpfe. Die Tage des schwindenden Lichts könnten uns daran erinnern.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 45 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 09.11.2006

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