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Anstoß

Der Spiegel sei mit dir

Was Orgeln mit Frieden zu tun haben

Guido Erbrich

Als die beiden Kinder den Rückspiegel an der Orgel entdeckten, wünschte der Priester der kleinen Gemeinde gerade den Frieden.

"Der Spiegel sei mit dir", echoten die beiden Kleinen und lachten sich halb kaputt über ihre Entdeckung. Dann wünschten sie es ein paar umstehenden Gemeindemitgliedern und reichten ihnen, unschuldig lächelnd die Hand. Vierjährigen kann man nicht allzuviel übelnehmen, und – mal ehrlich – an diesem Wunsch ist doch was dran.

Wenn ich anderen den Frieden wünsche und dabei selbst im Inneren ein Waffenarsenal aufgebaut habe, das nach Abrüstungsverhandlungen schreit, stimmt doch etwas nicht.

Frieden ist ein schöner Wunsch. Frieden darf ich auch von anderen erwarten, aber er hat auch ziemlich viel mit mir selbst zu tun. "Der Spiegel sei mit dir" ist da nicht nur kindliches Entdecken von Sprachspielen, sondern passt wie die Faust, die nicht aufs Auge soll.

So ein Spiegel ist ein ziemlich unbestechliches Ding, er beschönigt nichts – er bildet emotionslos ab, was ich ihm zu bieten habe. Manchmal freue ich mich drüber, viel öfter merke ich, dass etwas nicht stimmt. Dann hole ich den Rasierapparat und schneide noch etwas runter, kämme mich oder wische schnell den Fleck vom Pullover. Soweit zur Außenansicht.

Toller wäre es, einen Spiegel für das seelische Innenleben zu haben. Wo möchte ich jemanden etwas heimzahlen, gegen wenn habe ich hochgerüstet, wo bin ich selbst ungerecht und feindselig? Das merke ich manchmal an mir so wenig, wie ich die Fussel hinterm Ohr erkenne.

Am Anderen bemerke ich die Mängel schon. Deswegen kontert Jesus ja auch auf das selbstgerechte Schauen auf die Fehler anderer mit einem lapidaren Vergleich: Was ist der klitzekleine Spitter im fremden Auge gegen den Riesenbalken, der tief im eigenen sitzt.

"Der Spiegel sei mit dir", ist die Einladung, sich das eigene Gebälk anzuschauen und ein wenig friedfertiger zu werden. Schön, dass es Orgeln mit Rückspiegel gibt. Wir sollten sie nicht allein den Organisten überlassen. Sondern öfter mal selber hineinschauen. Dabei zu lächeln, kann nicht schaden.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 43 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 27.10.2006

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