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Bistum Dresden-Meißen

70. Geburtstag von Bischof Reinelt

Dienst nicht nur für Kirchenmitglieder

Auch Christen in der Politik will der Dresdner Bischof in ihrem Einsatz für das Gute bestärken. Das Foto zeigt Bischof Reinelt beim Politikerempfang im Gespräch mit dem Dresdner Sportbürgermeister Winfried Lehmann (CDU). Fotos: Dorothee Wanzek Dass er sich in der Öffentlichkeit auf glattem Parkett bewegt, ist Bischof Joachim Reinelt sehr bewusst. Redet er beispielsweise mit einem Politiker, braucht er anschließend auf die kritischen Stimmen nicht lange zu warten.

Die einen unterstellen ihm, dass er sich damit für zweifelhafte politische Positionen vereinnahmen ließ, andere sind der Meinung, er habe die Politiker der gegnerischen Parteien vor den Kopf gestoßen, wieder andere mahnen an – aus welchen Gründen auch immer –, die Kirche müsse im Verhältnis zum Staat der zu DDR-Zeiten gepflegten Distanz unbedingt treu bleiben.

Und dennoch kann all das den Dresdner Bischof nicht wirklich abbringen von seinem Anliegen, die Kirche stärker zu öffnen für Nichtchristen, für Menschen, die Fragen haben und die an Spiritualität interessiert sind – ein Anliegen, das sich nur verfolgen lässt, wenn man das Gespräch mit Vertretern unterschiedlicher Positionen und Weltanschauungen sucht.

So stellte Joachim Reinelt nach dem 11. September 2001 seine Kathedrale für eine Versammlung verstörter Schüler zur Verfügung, diskutierte mit den Jugendlichen, sprach mit ihnen über ihre Fragen und Ängste.

Katholiken wünscht er sich ein bisschen frecher

Seit Beginn seiner Amtszeit wird er nicht müde, den Katholiken seines Bistums vor Augen zu halten: "Christen sind wir nicht nur für uns selbst, sondern in erster Linie für die anderen." Er lässt kaum eine Gelegenheit aus, den eigenen Leuten "mehr Mut und ruhig auch ein bisschen mehr Frechheit" abzufordern, um in der Gesellschaft Zeugnis von ihrem Glauben zu geben.

Aus dieser Motivation heraus nimmt er gern Einladungen zu Veranstaltungen an, bei denen die Christen nicht nur unter sich sind. Veranstaltungen wie den Festakt zum zehnjährigen Bestehen der Polizeiseelsorge in Sachsen am 6. Oktober zum Beispiel.

Menschen helfen, ihre Berufung zu finden

Rund 200 Beamte der Landesund Bundespolizei nehmen aus diesem Anlass an einem ökumenischen Gottesdienst in der Dresdner Dreikönigskirche teil. Bischof Reinelt winkt bei solchen Gelegenheiten nicht mit Kirchen-Beitrittsformularen. An diesem Nachmittag redet er weder über Kirche noch über Polizeiseelsorge. Sein Thema sind die Sehnsüchte und täglichen Zerreißproben der Polizisten. Er ruft manchem der grün Uniformierten in Erinnerung, was ihn einmal motiviert hat, sich für diesen Beruf zu entscheiden. "Sie setzen sich dafür ein, dass andere Menschen sich sicher fühlen können. Das tut gut", sagt er den Männern und Frauen. "Wir wollen helfen zu entdecken, wo der Beruf auch Berufung ist", formuliert später Dr. Bernhard Dittrich, der Leiter der Pastoralabteilung des Bistums.

Nicht nur Kinder erwarteten sich Geborgenheit, betont der Bischof, auch für Erwachsene gehöre Schutz zu den Grundbedürfnissen. Menschen, die sich ungeschützt fühlten, würden auf Dauer unfähig, gut zu sein und verlören ihre Balance. Eine Gesellschaft, die sich geschützt fühle durch Gott und durch Menschen, sei dagegen eine Gesellschaft, die immer wieder zueinander finde.

Häufig stünden Polizisten vor kaum lösbaren Aufgaben, macht Joachim Reinelt deutlich: Mitten zwischen zwei gewaltbereiten Parteien beispielsweise, extremen Linken und Rechten, gegnerischen Fußballfans oder zerstrittenen Eheleuten, müssten sie versuchen, die Gegner voreinander zu schützen und einen möglichst gewaltfreien Ausgleich zu finden und würden selbst dabei mitunter zur Zielscheibe der Gewalt.

Vertrauen zur Kirche ist gewachsen

Nicht selten sei es unmöglich, den Erwartungen der Gesellschaft gerecht zu werden, die zum einen den Schutz durch die Polizei verlange, zugleich aber nichts von Macht spüren wolle. Polizeibeamte selbst hatten zuvor weitere Probleme angesprochen: die Gefahr etwa, angesichts von ständiger Konfrontation mit Brutalität und Heimtücke abzustumpfen und zu verbittern oder die frustrierende Erfahrung, häufig erst dann anzukommen, wenn es eigentlich schon zu spät sei zum Helfen. Gerade dann, wenn es nicht gelinge, gewaltfrei zu agieren, gerieten Polizisten immer wieder in Gewissensnöte.

Dass auch die Christen für all diese Situationen keine Patentrezepte parat haben, ist allen Anwesenden bewusst. Und doch wird in vielen Gesprächen deutlich, dass viele Polizisten überzeugt sind, dass sie mit ihren Sorgen, Fragen und Zweifeln bei den Seelsorgern gut aufgehoben wären – selbst wenn sie das noch nicht wirklich ausprobiert haben. Zwischen Christen und Polizisten ist ein gegenseitiges Vertrauen gewachsen, das noch vor siebzehn Jahren hierzulande völlig unvorstellbar gewesen wäre, betonen mehrere Redner in ihren Grußworten.

Der Sächsische Polizeipräsident Klaus Fleischmann bedankt sich bei den Pfarrern und Bischöfen, die den ökumenischen Gottesdienst mitgestaltet haben: "Das hat richtig gut getan. So etwas findet man in der hektischen Zeit heute relativ selten." Er schätze am Einsatz der Kirche für die Polizei besonders die Nähe und persönliche Begleitung durch die Seelsorger.

Vier Tage später sind Kommunal- und Landespolitiker aller im Sächsischen Landtag vertretenen Parteien – mit Ausnahme der NPD – zu Gast bei Bischof Reinelt. Obwohl der Jahresempfang unvorhergesehen mit dem Dresden-Besuch des russischen Staatschefs Wladimir Putin zusammenfällt, ist der Bischof-Schaffran-Saal im Haus der Kathedrale gut gefüllt. Es geht Joachim Reinelt nicht in erster Linie darum, gut Wetter für politischen Interessen der katholischen Kirche zu machen. Sein Anliegen beim Politikerempfang ist das Gleiche wie beim Besuch des Polizeiseelsorge-Jubiläums. Menschen im Einsatz für das Gute zu bestärken.

Der Geist des Evangeliums lebt nicht nur in Getauften

Erfahrungen wie die der Flutkatastrophe im Sommer 2002 machen in seinen Augen sehr deutlich, dass der Geist des Evangeliums nicht nur bei den Getauften lebendig sein kann. In einem Interview sagte er damals: "Die Sachsen sind schlagartig zu Freunden geworden, die sich gegenseitig unter die Arme greifen. Der Geist der Liebe zum Nächsten hat die allermeisten ergriffen. Hoffen wir, dass es nicht immer erst der Katastrophe bedarf, um uns zum Gutsein zu befreien." Auf vielerlei Weise unterstützte die Kirche im Bistum damals Flutopfer, unabhängig von ihrer Kirchen- und Konfessionszugehörigkeit. "In diesem Fall gibt es für uns nur eine Konfession, und zwar hochwassergeschädigt", formulierte der Bischof in diesen Tagen.

Dass der Kirche politisch auch mancher Gegenwind entgegenweht, nimmt der Bischof durchaus wahr. Wenn er es für nötig erachtet, meldet er sich denn auch öffentlich zu Wort – in jüngerer Zeit beispielsweise zum Thema Sonntagsschutz in Videotheken und Autowaschanlagen, zur Diskussion um den Bau der Dresdner Waldschlösschenbrücke oder zur vermeintlichen Bevorzugung der Kirchen beim "Erziehungsgipfel" des Bundesfamilienministeriums.

"Wir haben nicht vergessen, dass wir als Feinde galten"

Nichtsdestotrotz ist es seine Sache eher, immer wieder die positiven Ansätze ans Licht zu rücken. Im Gespräch mit den Politikern erinnerte er unter anderem daran, wie schlecht das Verhältnis zwischen Kirche und Politik zu DDRZeiten war: "Wir haben nicht vergessen, dass wir als Feinde galten, als bedauernswerte Träumer, die die Realität nicht sehen."

Im Vergleich zu damals fallen ihm heute eher Anzeichen ins Auge, die für eine religions- und kirchenfreundlichere Stimmung in der Gesellschaft sprechen. Einige davon rief Dr. Matthias Meyer, Caritas- Sekretär bei der Deutschen Bischofskonferenz, während des Empfangs ins Bewusstsein: Das positive Medienecho im Zuge des Papstwechsels und des Weltjugendtages beispielsweise oder ein neues Nachdenken über die Rolle der Religion im eigenen Kulturraum in Folge der islamistisch motivierten Attentate vom 11. Septembers 2001.

Werden die "Sinnsucher" zur Kirche finden?

Eine Frage, die Dr. Meyer in seinem Vortrag stellte, wird viele in der katholischen Kirche und auch den Dresdner Bischof in den nächsten Jahren weiter beschäftigen: "Wird es gelingen, die neue Offenheit in eine religiöse Kultur zu überführen? Hat die religiöse und spirituelle Sinnsuche, die wir erleben, überhaupt noch oder im von uns gewünschten Maß mit den verfassten Kirchen zu tun?"

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 42 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Montag, 23.10.2006

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