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Anstoß

Ein Fahrplan für dunkle Tage

Herbstgedanken

Martin Weber

Viele von uns sind jetzt sprichwörtlich "reingerutscht": Die Jahreszeit zwischen Sommer und Winter, der Herbst, hat Einzug gehalten. Bei einigen unserer Zeitgenossen hat dieser Teil des Jahres keinen so guten Ruf. Da haben Menschen ausschließlich das Bild einer verblühenden und vergehenden Natur vor Augen. Auch der kommende November, der Monat der Friedhofsfeiern und Gräbersegnungen, ebenso der Monat mit der statistisch gesehen höchsten Zahl an seelischen Erkrankungen, bereitet manchem von uns Bauchschmerzen. Und seit alters ist der Herbst auch ein Sinnbild für unsere verrinnende Lebenszeit. An diese denkt der antike römische Philosoph Cicero, wenn er schreibt: "Kaum hat man zu leben begonnen, da muss man schon sterben".

Um die so typischen Herbstängste weniger werden zu lassen, schlage ich vor, den Herbst von einer anderen Seite aus zu betrachten. Das Wort Herbst bedeutet von seinem germanischen Ursprung her einfach nur Pflückzeit, Ernte oder Zeit der Früchte. In jedem Herbst feiern wir Christen ein Fest, dass auf diese Zeit aufmerksam macht und uns an all die Dinge denken lässt, die wir in den vergangenen Monaten geschenkt bekommen haben. Das Erntedankfest will darauf aufmerksam machen, an all das zu denken, was Gott, aber auch Menschen für uns Gutes getan haben und immer wieder aufs Neue für uns tun!

Mit diesen Gedanken über das Erntedankfest im Hinterkopf schlage ich einen persönlichen Fahrplan für die restliche Zeit des Jahres vor, der dann wie folgt aussähe:

Erstens: Lassen wir noch einmal die vergangenen Monate des laufenden Jahres vor unserem geistigen Auge entstehen.

Zweitens: Versuchen wir das Gute, doch auch das, was uns in diesen Monaten missraten ist, in den Blick zu nehmen.

Drittens: Die kommende Zeit soll uns dann als Gelegenheit dienen, die bis jetzt verpassten Gelegenheiten zu bedenken, und unsere innere christliche Kompassnadel vielleicht neu auszurichten.

Vielleicht kann es ja hilfreich sein, sich so zu erinnern und das neu zu bewerten, was uns geschenkt worden ist.

Oder die biblische Gestalt des Noah hilft uns. Nach der großen Flut baute Noah Gott einen Altar zum Dank für das Geschenk des Lebens. Er hätte natürlich auch die Klage darüber anstimmen können, dass alles andere verloren war. Er hätte eine Analyse in Gang setzen können, was der Grund für diese schreckliche Flut gewesen sein könnte. Aber er hat völlig anders reagiert. Solche Zuversicht wünsche ich uns in den kommenden "dunklen" Monaten auch.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 40 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 05.10.2006

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