Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Spezial

1953: Eine Begegnung

Damals... (4)

"Wo Liebe fehlt, fehlt alles" überschrieb Elfride Kiel, Tag des Herrn-Redakteurin der ersten Stunde, ihren Beitrag (26. September 1953): Nach der Caritasversammlung sprach ich mit einer jungen Frau, die mit gesammelt hatte. Sie hatte die gleichen Erfahrungen gemacht wie ich selbst und viele andere auch: Wer eben konnte, gab. Fast nirgends - es wurde an allen Türen gesammelt - war schroffe Ablehnung. Aber eine Begegnung geht mir nicht aus dem Sinn, sagte die Sammlerin. Da kam ich zu einem Mann, der auf meine Bitte um eine Gabe nur ein Nein hatte. Aber wir kamen ins Gespräch und da brach die ganze innere Not dieses Mannes auf. Ich höre noch immer, wie er zum Schluss sagte: Ich kann nicht mehr an Gott glauben. Wenn es Gott gäbe, müsste es mehr Liebe geben. Ich habe, so erzählte die Sammlerin weiter, ihm darauf gesagt, wie stark die Liebestätigkeit der Kirche zu allen Zeiten war und wie oft Laien und Priester das Letzte hergaben, um nur anderen zu helfen. Dann habe ich mir die Adresse des Mannes aufgeschrieben, um ihm - ohne einen Namen zu nennen - ein kleines Päckchen zu senden und ein paar Zeilen dazu zu schreiben, nur damit er wieder an die Liebe glauben lernt. - Ich weiß nicht, was aus der Sache geworden ist, weiß nicht, ob die Sammlerin durch eine Gabe einen Funken des Glaubens und der Liebe wecken konnte. Aber auch ich kann die Worte dieses Mannes nicht vergessen. Wie wenig Liebe muss er in seinem Leben geschenkt und empfangen haben, dass er so sprechen konnte. Und wie verpflichtet uns dieses Wort. Eine Welt könnte umgestaltet werden, wenn Liebe gelebt würde. Wo die Liebe fehlt, da fehlt alles. Wo die Liebe lebt, da ist alles, sagt der heilige Augustinus.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 35 des 51. Jahrgangs (im Jahr 2001).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 31.08.2001

Aktuelle Buchtipps