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Bistum Erfurt

Zum Tag der deutschen Einheit

Vor 50 Jahren in die DDR gezogen - Schwester Maria Pia

Schwester Maria Pia fand in Heiligenstadt einen Ort, der ihr zur zweiten Heimat wurde. Hier stand sie unter anderem 19 Jahre der Gemeinschaft des Bergklosters vor. Foto: Christine Bose Heiligenstadt - Schwester Maria Pia gehört dem Orden der Schwestern von der Heiligen Maria Magdalena Postel an. Vor 50 Jahren ging sie einen ungewöhnlichen Weg: Sie zog vom Ruhrgebiet in die damalige DDR. In Heiligenstadt ist sie seither zu Hause.

"Ich wollte immer Schwester werden, nichts anderes. Und ich wollte einen Beruf ergreifen, der etwas mit Kindern zu tun hat. Als kleines Mädchen habe ich so gern Schule gespielt; ich war immer die Lehrerin." Schwester Maria Pia vom Orden der Heiligen Maria Magdalena Postel im Heiligenstädter Bergkloster erinnert sich an ihre Kindheit im Ruhrgebiet. Sie hat zwei Heimatstädte – die Bergarbeiterstadt Herten, wo sie geboren wurde und Heiligenstadt, wo sie mittlerweile schon so lange lebt, dass sie den 17. September als ganz besonderen Tag begehen konnte. An jenem Tag vor fünfzig Jahren traf sie im Eichsfeld ein; in den Orden war sie bereits sechs Jahre zuvor eingetreten. Ein großes Fest zum Jubiläum wollte sie nicht feiern, sich vielmehr still und dankbar erinnern an viele frohe Stunden und ebenso an die Hürden, die das Leben für sie bereithielt.

"Der liebe Gott ist da und er ist gut"

Von Anfang an gehörten die Ordensfrauen der Heiligen Maria Magdalena Postel zu ihrem Leben: In Herten lag die Verantwortung für ein großes Krankenhaus und ein Waisenhaus (heute Kinder- und Jugendheim) in deren Händen; in der Umgebung gab es kleine Niederlassungen, die beispielsweise für einen Kindergarten, ambulante Krankenpflege, Näh- und Handarbeitskurse zuständig waren. "Wir hatten viele Verbindungen zu den Schwestern, fühlten uns bei ihnen wie zu Hause", bezieht sie ihre Geschwister in ihre Erinnerungen ein und berichtet davon, dass eine Verwandte aus dem Orden von allen Geschwistern liebevoll "Tante Schwester" gerufen wurde. Und sie erzählt von einem grenzenlosen Gottvertrauen, das sie als kleines Mädchen im Elternhaus erleben durfte: "Der liebe Gott ist da und er ist gut", hatte ihr die Mutter voll Zuversicht mit auf den Lebensweg gegeben.

Nach dem Abitur wollte die junge Frau studieren und danach in den Orden eintreten. Die Generaloberin, mit der sie über ihre Pläne sprach, sah das anders: Warum erst studieren und dann kommen? Erst kommen, um zu studieren, was im Orden gebraucht wird, lautete ihr Vorschlag. Die junge Ordensschwester Maria Pia studierte schließlich ihre Lieblingsfächer Deutsch und Englisch sowie zusätzlich Theologie. Nach dem Staatsexamen unterrichtete sie drei Monate lang in Xanten, doch die Schwestern aus dem Heiligenstädter Bergkloster brauchten sie dringender. Nach längerem Warten hielt sie am 14. September 1956 endlich den Einreiseschein in die DDR in den Händen. Gleich bei ihrer Ankunft im Eichsfeld, drei Tage später, stellte sie fest: "Die Schwestern wollen mich haben, aber die Behörden nicht." Das staatliche Schulgebäude, eigentlich Ordenseigentum, durfte sie nicht betreten, wurde an der Pforte abgefertigt.

"Die Schwestern wollten mich haben …"

Die Ämter machten ihr das Leben wahrhaftig nicht immer leicht. Doch immer wieder waren da die schönen Erfahrungen im Zusammenleben mit ihren Mitschwestern. Den Religionsunterricht erteilte sie außerhalb der Schule. Ihre Aufgaben während zehnjähriger Seelsorgetätigkeit: 32 Wochenstunden Religion in St. Aegidien, Gottesdienstgestaltung, Hausbesuche, Kinderschola. Bis zu 70 Kinder versammelten sich an den Samstagnachmittagen zum Singen mit Schwester Maria Pia. Regelmäßig diskutierte unter ihrer Anleitung eine Mädchengruppe über deutsche Literatur. "1966 wurden wir eigenständige Provinz und ich bekam die Leitung übertragen, 19 Jahre lang", berichtet die Ordensfrau, die auch als Noviziatsleiterin jungen Frauen half, ihren Weg zu finden.

Erst nach der Wende, im Alter von 63 Jahren, konnte sie in "ihrer" Schule, dem neu gegründeten St.-Elisabeth-Gymnasium, unterrichten. Sieben Jahre lang gab sie ihr Wissen weiter. Mehr noch, ihre Lebenserfahrungen wollte sie den jungen Menschen vermitteln und bei ihnen das erreichen, wofür ihre Mutter bei ihr den Grundstein gelegt hatte: Vertrauen wecken in einen Weg mit Gott. Die Wende brachte noch andere, bisher ungekannte Aufgaben: die Arbeit mit den staatlichen Medien. Schwester Maria Pia sprach Morgenandachten für den Rundfunk, schrieb Pressebeiträge.

Was möchte die erfahrene Ordensfrau heute jungen Frauen mit auf den Weg geben, die sich die Frage nach einem Leben in einem Orden wie dem ihren stellen: "Wenn du so viel Vertrauen zu Gott hast und so viel Vertrauen darauf, dass die Gemeinschaft dich trägt, dich froh und glücklich machen kann, dann komm!"

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 39 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Dienstag, 03.10.2006

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