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Bistum Erfurt

Der Schweizer sorgte für die Andacht

In Dingelstädt informiert eine Heimatstube über die Geschichte des Ortes

Das historische Gewand des Kirchenschweizers in der Heimatstube von Dingelstädt. Foto: Christine Bose

Dingelstädt (bos) - Seit 1997 informiert in Dingelstädt eine Heimatstube an die Geschichte des Ortes und des Eichsfeldes. Zu den Exponaten gehört auch die Kleidung eines sogenannten Kirchenschweizers, der in der Kirche Dienst tat.

Mit Erstaunen hören die Besucher der Dingelstädter Heimatstube, dass es sich bei dem festlichen Gewand in einem der drei Ausstellungsräume um das Dienstkleid eines einstigen Kirchenschweizers (Kirchenaufsehers) handelt. Doch vor den näheren Erläuterungen noch einige Anmerkungen zur Heimatstube, die vom Dingelstädter Verein für Heimatpflege mit seinem Vorsitzenden Ewald Holbein 1997 eröffnet wurde. Anlass waren die Feierlichkeiten "1100 Jahre Eichsfeld" im September des genannten Jahres. Dank der Unterstützung der Stadtverwaltung konnte die Ausstellung, die selbstverständlich auch Eichsfelder Trachten zeigt und eine kleine Gesangbuch-Sammlung (zum Teil freundliche Leihgaben) ihr Eigen nennt, noch erweitert werden. Gern kommen Schulklassen zu Führungen - und da sich die Ausstellungsräume in der früheren Schule auf der gleichen Etage wie die Stadtbibliothek befinden, haben die Bibliotheksmitarbeiterinnen die Verantwortung für die Heimatstube während der gesamten Öffnungszeit (montags und mittwochs von 8 bis 14 Uhr, dienstags, donnerstags und freitags von 8 bis 17 Uhr) übernommen. So können sich alle unangemeldeten Gäste ebenfalls in Ruhe umschauen.

Das wichtige Ehrenamt des Kirchenschweizers bestand darin, für den ordnungsgemäßen und würdigen Ablauf des katholischen Gottesdienstes zu sorgen, vom Betreten der Kirche über die Kommunion bis hin zum Ausgang. Er wies im vollen Gotteshaus den Weg zu einem freien Platz, achtete auf die dem Anlass gemäße Kleidung und darauf, dass immer die nötige Andacht gewahrt wurde. Der Name weist auf die Verbindung zur Schweiz hin. In längst vergangenen (Not)Zeiten, als die Arbeit knapp und der Verdienst karg waren, zogen männliche Schweizer ins Ausland, um beispielsweise als Soldaten, Wachmänner oder auch als Aufsicht im Vatikan ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Da sich namentlich die Eidgenossen als besonders zuverlässig erwiesen, soll das der Ursprung der Schweizer Garde gewesen sein.

Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) wirkte der Kirchenschweizer in vielen katholischen Pfarrgemeinden. Bibliotheksmitarbeiterin Elisabeth Diegmann erklärt aber: "Im Kölner Dom wird noch heute das Amt des Kirchenschweizers ausgeübt".

Ein mannshoher Stab komplettierte auch im Eichsfeld sein feierliches Gewand. Der wurde, so weiß es Elisabeth Diegmann, mahnend erhoben, wenn Kinder nicht aufpassten und schwatzten. Sie mussten ihren Platz verlassen und zur Strafe dem weiteren Geschehen bis zum Ende stehend folgen, im Mittel- oder Seitengang der Kirche. Zur Ehrenrettung der Kinder ergänzt die Mitarbeiterin der Bibliothek jedoch, nicht immer seien es die kleinen Gottesdienstbesucher gewesen, die geschwätzig die Worte des Pfarrers und den Ablauf der Messe ignorierten. So habe der Kirchenschweizer durchaus auch vorwurfsvolle Blicke auf allzu mitteilsame Erwachsene richten müssen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 35 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 01.09.2006

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