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Jetzt merken die Leute, die Luft ist raus

Ein Vierteljahr nach der Flut: Wie Christen in Dresden-Zschachwitz Hoffnungszeichen setzen

Trotz des Hochwassers: Pfarrer Brendler (Mitte) zeigt Kindern und Eltern das Modell des Kinderhauses. Der Neubau ist eines der Hoffnungszeichen, die die Christen in Dresden-Zschachwitz nach dem Hochwasser setzen.

Dresden (mh) -"Wir sind einfach losgezogen von Haustür zu Haustür und haben nachgesehen, wo das Hochwasser Familien besonders schwer getroffen hat", sagt Vinzenz Brendler. Der katholische Pfarrer von Dresden-Zschachwitz und seine Mitstreiter sind seit den Tagen der Elbeflut unermüdlich unterwegs, um zu helfen. Was sie geleistet haben, ist beeindruckend: 230 Familien wurden unterstützt. Etwa eine halbe Million Euro hat Pfarrer Brendler dazu aus dem Hilfsfonds des Bistums Dresden-Meißen genutzt.

Neben den Spendengeldern, die nach dem Hochwasser direkt bei einzelnen Pfarrämtern eingegangen sind, unterstützt die katholische Kirche in Sachsen -wie auch in Sachsen-Anhalt -die Flutopfer mit Mitteln der Caritas und der Bistümer. Bis Mitte Oktober hat die Caritas im Bistum Dresden-Meißen 825 Haushalten mit über zwei Millionen Euro geholfen. Weitere zwölf Millionen stehen jetzt für die Wiederaufbauhilfe zur Verfügung. Auch über den von Bischof Joachim Reinelt eingerichteten Bistums-Hilfsfonds wurden etwa zwei Millionen Euro für Menschen in Not zur Verfügung gestellt und mit Hilfe der Pfarrer vor Ort verteilt, weil diese einen besseren Überblick haben, begründet Ordinariatsrat Christoph Pötzsch, der den Bistums- Fonds koordiniert.

Nach dem Taufschein hat Pfarrer Brendler selbstverständlich niemanden gefragt. Und so schätzt er, dass von den 230 Familien etwa ein Drittel weder zur katholischen noch zur evangelischen Gemeinde gehört. "Wir haben das Geld nicht für uns selbst bekommen, sondern für alle in Not. Unsere Aufgabe ist es, dieses Geld weiterzureichen." Hat er keine Angst, dass es später Kritik an der Spendenverteilung geben könnte? "Kritik ist nicht auszuschließen, vielleicht gibt es sogar Prügel", sagt Pfarrer Brendler. Aber: "Wäre es besser, deshalb nichts zu tun? Wir haben versucht, die Spenden nach bestem Wissen und Gewissen zu verteilen." Und vielen Menschen haben so neue Hoffnung geschöpft. Brendler: "Das Bild von Kirche hat sich dadurch sehr verändert."

Viel bleibt für die Christen in Dresden-Zschachwitz noch zu tun. Brendler: "Die Leute leben momentan nicht in ihrer Wohnung und sind deshalb schwer zu erreichen. Die ganze Gemeinde ist gefordert, die Augen offen zu halten: Wie geht es Kollegen, Freunden und Nachbarn? Wo gibt es Härtefälle?" Manche Folgen werden auch erst in den nächsten Monaten zum Vorschein kommen, ist sich Brendler sicher. Waren bisher vor allem helfende Hände und finanzielle Unterstützung nötig, so hat sich die Situation inzwischen verändert: "Allmählich kehrt Ruhe ein. Und die Leute merken plötzlich: Die Luft ist raus. Manchmal fehlt schon die Kraft, die notwendigsten Dinge zu tun." In vielen Gesprächen stellt Pfarrer Brendler auch fest, "dass die Menschen die Erlebnisse der Hochwassertage noch verarbeiten müssen. Und da hilft es, wenn sie einfach erzählen können, wie schlimm das alles war."

Deshalb ist auch ein anderes Zeichen wichtig, dass die Christen von Zschachwitz in ihrem Stadtteil gesetzt haben. Schon vor der Flut war der Bau eines neuen christlichen Kinderhauses geplant. Durch das Hochwasser stand der Plan in Frage. Aber öffentliche und kirchliche Gelder und Spenden -unter anderem 2000 Euro von Kindern aus Polen -haben die Realisierung des Projektes ermöglicht. Der Neubau soll Ende 2003 fertig sein.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 46 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 14.11.2002

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