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Anstoss

Die Chance der Entscheidung

Pater Bernhard Kohl

Momentan wird viel Rummel um einen Film veranstaltet, zu dem dieser Rummel gar nicht so richtig passen will: "Von Menschen und Göttern" erzählt die Geschichte von sieben französischen Trappistenmönchen, die in einem Kloster im algerischen Tibehirine lebten und 1996 entführt und ermordet wurden. Den Umständen der Entführung und Ermordung, die durchaus umstritten sind, misst der Film aber gar nicht so viel Gewicht bei - das würde eher zum erwähnten Rummel passen.

Vielmehr beobachtet und schildert der Film das Leben der Mönche davor. Er zeigt, wie die Trappisten friedlich in einem kleinen Dorf mit der muslimischen Bevölkerung zusammenleben und am dörflichen Leben teilnehmen, es fördern, wie sie ihren Sinn darin finden, unter den Menschen zu sein. Nicht, um sie zum Christentum zu bekehren, sie zu missionieren, sondern einfach anwesend zu sein, weil es für sie den Kern ihres Glaubens darstellt: Anwesenheit unter den Menschen. Als sich im Zuge der politischen Entwicklung in Algerien auch die terroristische Bedrohung verschärft, ändert sich die Situation in gewisser Weise dramatisch: Das friedliche Zusammenleben von Dorfbevölkerung und Mönchen verliert auf einmal seine Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit. Die Mönche wissen, dass sie ihr Leben akut gefährden, wenn sie ihre bisherige Lebensform weiterführen. Und die Dorfbevölkerung erkennt, wie sehr ihr Leben mit dem der Mönche verbunden und dadurch geprägt ist.

Nun beginnt für die Trappistenkommunität ein zähes inneres Ringen: Sollen sie im Dorf bleiben? Sollen sie das Kloster unter militärischen Schutz stellen lassen? Sollen sie in eine sicherere Gegend oder gar nach Frankreich ausweichen? Klar ist für sie nur: Als Kommunität müssen sie zu einer gemeinsamen Entscheidung finden, die dann auch alle Brüder tragen können und müssen. Und sie finden diese Entscheidung. Sie, soviel darf hier verraten werden, bleiben. Aus ganz unterschiedlichen Beweggründen: der eine, weil er Arzt ist und die Menschen im Dorf ihn brauchen. Der andere, weil er seinen Platz unter seinen Brüdern sieht. Ein weiterer, weil sonst niemand auf der Welt auf ihn wartet.

Und genau hier liegt das Geheimnis des Films. Er zeichnet so fantastisch nach, wie die Brüder von ihrem anfänglichen ängstlichen, schwachen Zögern zu einer kraftvollen, glänzenden Entscheidung finden, dass man sich nur wünschen kann, im eigenen Leben ebenfalls die Chance zu erhalten, richtig entscheiden zu können, zu seinen Idealen, Träumen und Wünschen zu stehen, wenn es erforderlich werden sollte. Was am Film darüber hinaus so sehr berührt ist die Tatsache, dass die von den Mönchen getroffene Entscheidung niemals laut, im Rummel daher kommt, im Gegenteil. Je sicherer sie sich ihrer Sache sind, desto stiller werden sie.

Dominikanerpater Bernhard Kohl, Leipzig

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