Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Auf zwei Minuten

Die Natur als Gleichnis

Es bedarf einer Naivität der offenen Sinne, um die Schönheit des Frühlings zu erleben

Pater Damian

Die im Frühling erwachende Natur in ihrer Vielfalt und Schönheit müsste jedem -auch wenn er in einer städtischen Umgebung lebt -eine Quelle des Staunens und der Freude sein. Für viele ist der Zugang zur Natur aber nicht mehr so unmittelbar und problemlos zu vollziehen wie für Menschen früherer Generationen. Wir stoßen auf Schritt und Tritt auf Dinge, die wir selbst hergestellt haben und auf die wir zum Teil auch mit Recht stolz sein können. Das kann uns daran hindern, in Freude und Ehrfurcht zu staunen vor einer Blume oder einem Singvogel. Es bedarf einer gewissen Naivität -christlich würde man vielleicht Demut sagen -, um die Natur unmittelbar zu erleben.

Entfremdung von der Natur ist Teil der ethischen Verrohung

Große Naturforscher haben trotz oder gerade wegen ihres profunden Wissens dieses ehrfürchtige Staunen nicht verloren. Der Großmeister der Vergleichenden Verhaltenskunde, Konrad Lorenz, beklagt die weithin herrschende Entfremdung von der Natur: "Die allgemein rasch um sich greifende Entfremdung von der lebenden Natur trägt einen großen Teil der Schuld an der ästhetischen und ethischen Verrohung der Zivilisationsmenschen. Woher soll dem heranwachsenden Menschen Ehrfurcht vor irgend etwas kommen, wenn alles, was er um sich sieht, Menschenwerk, und zwar sehr billiges und hässliches Menschenwerk ist? ... Die totale Seelenblindheit für alles Schöne, die heute allenthalben so rapide um sich greift, ist eine Geisteskrankheit, die schon deshalb ernst genommen werden muss, weil sie mit einer Unempfindlichkeit gegen das ethisch Verwerfliche einhergeht".

Vielleicht bedarf es einer neuen "Naivität" der offenen Sinne, des aufmerksamen Sehens und Horchens und Riechens, um die Schönheit des Frühlings zu erleben. Die Natur könnte dann auch ein Gleichnis für tiefere Wahrheiten werden, wie sie es für Jesus war. Er spricht von den Vögeln des Himmels und den Lilien des Feldes, die uns lehren, uns keine übermäßigen Sorgen zu machen. Auch die fröhlichen Spatzen sind in Gottes Hand: Vielmehr wir!

Aus der Tradition der franziskanischen Mystik wird von Bruder Ägidius von Assisi überliefert: Einmal hörte Bruder Ägidius eine Kähe krähen. Von Leidenschaft gepackt, sagte er dann: "O Herrin Krähe, ich will zu dir kommen um den Lobpreis des Herrn zu lauschen. Ich will beherzigen, dass du nicht là, là (italienisch: dort), sondern qua, qua (italienisch: hier) singst. Wie wenn du sagen wolltest: nicht dort in einem anderen Leben, sondern hier, hier sollst du dich bemühen, Gutes zu tun."

Pater Damian Meyer

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 21 des 52. Jahrgangs (im Jahr 2002).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 23.05.2002

Aktuelle Buchtipps