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Aus der Region

Interview mit Initiator Willi Kraning

Familienforum

Erstmals im Bistum Magdeburg findet am Wochenende ein offenes Familienforum statt. Ordinariatsrat Willi Kraning, der Leiter der Hauptabteilung Pastoral im Bistum, gehört zu den Initiatoren der Veranstaltung in Halle/Saale

Frage: Das Familienforum des Bistums Magdeburg soll Gelegenheit bieten, sich über Fragen und Erfahrungen zu Ehe und Familie auszutauschen. Die bisherigen Anmeldungszahlen liegen trotz langer Vorbereitungszeit weit unter den Erwartungen. Sehen Sie das als Zeichen dafür, daß die Familien des Bistums so wenige Fragen und Probleme haben oder eher dafür, daß der Kirche keine Antworten zugetraut werden?

Kraning: Für die geringe Zahl der Anmeldungen gibt es wohl unterschiedliche Ursachen. An Problemen fehlt es den Gemeinden sicher nicht, manchmal scheint mir aber das Problembewußtsein wenig entwickelt zu sein, insbesondere wenn ich über den kirchlichen Binnenraum hinausschaue. Beispielsweise höre ich von Pfarrern: "Wir haben keine Probleme mit Alleinerziehenden. Bei uns gibt es gar keine." Es fällt auf, daß es bei den Arbeitsgruppen des Forums fast keine Anmeldung für soziale Themen gab. Ich sehe in der katholischen Kirche gerade im Bereich Ehe und Familie einen sehr großen Bedarf an Gespräch und an Öffnung gegenüber den Menschen in unseren eigenen Reihen und um uns herum

Frage: Gerade junge Leute haben oft die Kirche als Gesprächspartner in Sachen Sexualmoral bereits abgehakt ..

Kraning: Das hängt auch mit dem Image der Kirche zusammen, das ihre gesetzliche Seite überbetont. Dagegen behaupte ich: In dem, was wir Gesetze der Kirche nennen, kommen menschliche Erfahrungen zum Ausdruck, die oft auch diejenigen gutheißen, die sich gegen die Gesetze wehren. Ein Beispiel ist der Wunsch nach gelingender, verlässlicher Partnerschaft, den sehr viele Menschen teilen. Wenn wir junge Leute wieder mit der Lebensweisheit bekannt machen wollen, die aus den Erfahrungen der Kirche gewachsen ist, müssen wir ihnen zugestehen, daß sie sich schrittweise an das herantasten, was wir als christliches Ideal erkannt haben

Im Blick auf die Ehe müssen wir auch unterschiedliche Wegstationen zum Treueversprechen stärker anerkennen, mehr Hilfen für Gescheiterte anbieten, die Realitäten zur Kenntnis nehmen, in der viele Menschen heute leben: alleinerziehend, geschieden und wiederverheiratet, mit Lebensabschnittspartnern. Ich wünsche mir da für unsere Kirche einen Schub größerer Offenheit

Frage: In viele Gemeinden ist das Verhältnis spannungsvoll zwischen denen, die sich die Kirche einladender wünschen, und denen, die sich aus Sorge um den Werteverfall in sich selbst und die Traditionen zurückziehen möchten. Unversöhnliche Haltungen?

Kraning: Die Frage ist meines Erachtens so nicht richtig gestellt. Die Sorge um den Werteverfall treibt alle um, sie ist auch Beweggrund für diejenigen, die die Kirche stärker öffnen wollen. Beide Gruppen in den Gemeinden müssen anerkennen: "Es gibt keinen Menschen, den Gott nicht gern hat. Wenn Gott ihn gern hat, kann ich ihm doch nicht die kalte Schulter zeigen. Nichts berechtigt zu sagen, zu diesem oder jenem Menschen baue ich keinen Weg." Wir sollten stärker unterscheiden zwischen den Menschen und ihren Handlungen. Beispielsweise bin ich überzeugt, daß Homosexualität nicht gottgewollt ist, der Homosexuelle aber ist gottgeliebt

Interview: Dorothee Wanzek

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 25 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 27.06.1999

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