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Aus der Region

Gemerkt, wie lange Gott schon gewartet hat

Familientaufe

Die Zeit ist reif", sagten sich an einem Oktobersonntag im vorigen Jahr Marlies und Raoul Schlötke. Sie stiegen in ihr Auto, fuhren durch Dresden und hielten Ausschau nach Kirchtürmen. In der Borsbergstraße entdeckten sie die katholische Herz-Jesu-Kirche. In die Kirche hinein trauten sie sich nicht, denn es war gerade Gottesdienst. Aber Ehepaar Schlötke wußte: Diese Kirche ist es. Sie liegt in der Nähe ihrer Wohnung und "der Name Herz Jesu sprach uns an. Herz Jesu - das steht für die Liebe Gottes zu den Menschen. Und das ist der Schlüssel, um zu Gott zurückkehren zu können", sagt Raoul Schlötke. Einige Tage später griff Ehefrau Marlies zum Telefon und rief den Pfarrer an. Der staunte nicht schlecht, über das, was sie sagte: "Wir wollen uns taufen lassen. Geht das noch bis Weihnachten?" So schnell ging es freilich nicht, aber vor wenigen Tagen empfingen die Eltern und die drei Kinder das Sakrament der Taufe

Die Schlötkes sind eine Familie mit einem Lebenslauf, wie er für den Osten Deutschlands typisch ist. Die Eheleute - beide 1962 geboren - sind ohne Kirche aufgewachsen. Ihre Eltern waren zwar getauft, sind aber - wie viele in der ehemaligen DDR - irgendwann aus der Kirche ausgetreten. Gott und Kirche waren - zumindest was eine persönliche Gottesbeziehung betrifft - kein Thema in der DDR-Schule. "Aber eine gewisse Sehnsucht und Interesse waren immer da", sagen beide Eheleute. Marlies Schlötke erinnert sich, daß sie als Kind gelegentlich gebetet hat, daß die Mutter manchmal etwas von Jesus erzählte, und sie erinnert sich an ein Bild des gekreuzigten Jesus, das sie gesehen hat, als sie vier oder fünf Jahre alt war. "Dieser Jesus tat mir leid. Und das hat mich nie so richtig losgelassen." Ihr Mann hat noch heute das alte zerfledderte Neue Testament, in dem er als Jugendlicher oft gelesen hat. Später hatten die Schlötkes eine christliche Nachbarin und noch etwas später Bekannte im Allgäu, die Christen waren, und mit denen sie ins Gespräch über den Glauben kamen. Und irgendwann war es dann soweit, die innere Sehnsucht war so groß, daß der Wunsch da war, das Ganze "nun auch amtlich zu machen", wie sie sagen

Was folgte, war die Kontaktaufnahme mit Pfarrer Gottfried Swoboda von der Herz-Jesu-Gemeinde. "Uns war aber nicht so klar, was da auf uns zukommt. Wir haben gedacht, wir glauben an Gott. Und nun lassen wir uns einfach taufen." Groß war das Erstaunen, als der Pfarrer sagte, daß erst einmal Unterricht nötig sei. Aber auch das war für die Schlötkes kein Hindernis - im Gegenteil: Acht Monate lang trafen sie sich regelmäßig einmal in der Woche für eineinhalb Stunden in einer fünfköpfigen Gruppe von Taufbewerbern mit dem Pfarrer. Inzwischen wurde Familie Schlötke auch in der Gemeinde heimisch: Nach anfänglichen Befürchtungen - "Werden die anderen nicht über uns lachen?" -gingen sie sonntags zum Gottesdienst, dann auch zum Glaubenskreis. Sohn Eric besucht den katholischen Kindergarten der Gemeinde, Tochter Maria singt im Kinderchor und die große Tochter Franziska ist in der Jugendgruppe aktiv. "Die Gemeinde hat uns ganz lieb aufgenommen", sagt Marlies Schlötke heute. Und ihr Mann: "Wir haben uns von Anfang an durch die Gemeinde getragen gefühlt."

Abschluß der Taufvorbereitung war ein gemeinsamer Einkehrtag. Am 16. Juni war es dann soweit: Das Ehepaar Schlötke und Tochter Franziska empfingen Taufe und Firmung; Maria, die mit ihrem Bruder Eric schon in der Oster-nacht getauft worden war, ging zur Erstkommunion. "Es ist der Anfang eines zweiten Abschnitts im Leben", sagt Marlies Schlötke über diesen Tag, an dem sie getauft wurde und an dem sie auch genau 17 Jahre mit ihrem Mann verheiratet war. Das Taufwasser war übrigens Jordanwasser - mitgebracht durch die Gemeinde von einer Israelreise

Für die Kinder war es kein Problem, daß die ganze Familie sich taufen ließ. "Ich will sowieso mal kirchlich heiraten", gibt Marlies Schlötke schmunzelnd die Reaktion ihrer zwölfjährigen Tochter Maria wieder

Eine besondere Geschichte ist allerdings die der ältesten Tochter Franziska. Sie hatte 1997 die Konfirmation ihrer Freundin Judith miterlebt. "Die Gemeinschaft und besonders das christliche Leben in Judiths Familie - das hat mich angesprochen." Und so hatte Franziska schon vor zwei Jahren den Wunsch, sich taufen zu lassen, aber: "Die Eltern haben mich erst einmal gebremst." Doch der Glaube an Gott wuchs. "Ich hatte in dieser Zeit immer das Gefühl, in der Tür zu stehen: Ich war nicht ganz drin, aber auch nicht draußen. Und dann kam der Punkt, wo ich mich fragte: Gehe ich jetzt rein?" sagt Franziska heute. Inzwischen hatten auch ihre Eltern den Entschluß gefaßt, sich taufen zu lassen. Ob Franziska evangelisch oder katholisch werden will, daß stellten die Eltern ihr frei. Sie entschied sich - nachdem sie die mit der katholischen Kirche verbundenen Vorurteile und Klischees abgebaut hatte - für die katholische Kirche. Für ihre evangelische Freundin Judith übrigens kein Problem, sie war sogar Taufpate von Franziska

Was hat sich geändert in dem Dreivierteljahr, seit Schlötkes auf die Suche nach den Kirchen in ihrer Stadt gegangen sind? "Die Sehnsucht nach dem Zuhause beim himmlischen Vater, die immer schon da war, ist gewachsen", sagt Raoul Schlötke. Mit Dingen, für die die katholische Kirche häufig kritisiert wird, - ob Sexualmoral oder viele andere Gebote - haben beide keine Probleme: "Wenn ich als Christ meinen Weg gehen will, dann gehört auch eine gewisse Disziplin dazu. Christ-Sein so lala - das geht nicht", sagt er. Der Sonntagsgottesdienst beispielsweise ist alles andere als lästige Pflicht: "Hier kann ich auftanken im Glauben und Kraft für die Woche schöpfen. Und wenn ich mal nicht gehen kann, dann fehlt mir richtig etwas."

Und was hat sich für Marlies Schlötke geändert? "Ich habe gemerkt, wie lange Gott auf mich gewartet hat. Zu ihm kann man immer gehen, egal, wo man ist. Und die Tür zu ihm ist Jesus", sagt sie. "Die meisten Menschen aber merken das höchstens, wenn es ihnen einmal ganz schlecht geht." Der Glaube sei zwar letztlich ein Geschenk, aber "die Menschen müssen auch erfahren, daß Jesus auf sie wartet", wünscht sie sich von der Kirche. Dazu müßte die Kirche ihrer Meinung nach aber viel massiver in die Öffentlichkeit gehen. Und sie müßte ihre Botschaft übersetzen für die Menschen, die nicht an Gott glauben, und ihnen sagen: Jesus ist auch für dich da! Eine Möglichkeit dazu sieht sie im Religionsunterricht in der Schule. "Uns hat damals in der Schule niemand etwas über den Glauben erzählt. Heute könnte das anders sein." In ähnliche Richtung geht auch der Wunsch von Franziska: "Die Gemeinden müßten die Leute beispielsweise viel mehr zu offenen Abenden einladen."

Seit einer reichlichen Woche gehören die fünf Schlötkes jetzt so richtig zur Herz-Jesu-Gemeinde in Dresden. Die Begegnung mit ihnen und den anderen sieben Taufbewerbern, die es zur Zeit in der Gemeinde gibt, ist auch ein Geschenk für Pfarrer Gottfried Swoboda. "Wer andere auf die Taufe vorbereitet, ist niemals nur Katechet und Gebender. Er empfängt auch etwas, weil er sich selbst mit seinem Glauben auseinandersetzen muß." Dazu kommt eine Erfahrung, die ein Pfarrer im Osten Deutschlands wohl gelegentlich auch braucht: "Meist muß ich ja als Pfarrer den Leuten hinterherrennen; hier ist es anders: Da kommt jemand und will etwas von mir."

Matthias Holluba

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 25 des 49. Jahrgangs (im Jahr 1999).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 27.06.1999

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