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Geht zu allen Völkern

Dr. G. Nachtwei zur Evangelisierung Europas (III)

Der Tag des Herrn beendet in dieser Ausgabe die Dokumentation des Vortrags von Pfarrer Dr. Gerhard Nachtwei zum Thema "Evangelisierung Europas unter den Bedingungen der Post-Moderne und des Post-Sozialismus"

In den mittelosteuropäischen Ländern gilt Adalbert vor allem als Missionsbischof. "Als er bei seinen Landsleuten in Prag auf Widerstand stieß, zog er als Missionar in Richtung Pannonische Ebene und dann durch die Mährische Pforte nach Gnesen und ins Baltikum..., wo er den Martyrertod erlitt... Seine Mission war gleichsam die Krönung der Evangelisierung des Landes der Piasten" (Johannes Paul II. in Gnesen am 3. Juni 1997)

Obwohl Adalbert nur wenige Monate in Polen verweilte, wird er seit 1000 Jahren als Schutzpatron von Polen verehrt. Sein Grab in Gnesen wurde zum Bindeglied und Zentrum der Integration Polens, sowohl während des zwölften Jahrhunderts, wo Polen in kleine Fürstentümer zersplittert war, als auch während der Teilung Polens zwischen den Großmächten Preußen, Österreich und Rußland vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Auch in Tschechien und Ungarn hat sich die Verehrung Adalberts direkt nach seinem Tode verbreitet

So ist es verständlich, daß sich Johannes Paul II. mit der Symbolfigur Adalbert verbindet. Während der letzten Pilgerreise in Gnesen benannte der Papst Adalbert "als größten Patron unseres Kontinents..., der durch sein Leben und seinen Tod, das Fundament für die europäische Identität und Einheit legte.

Die erste programmatische Predigt am Pfingstmontag in Gnesen wurde nach der Meinung des Papstes "im gewissen Sinne zum Programm des gesamten Pontifikats... Von diesem Ort strömte dann die gewaltige Kraft des Heiligen Geistes aus. Hier begann die Idee von der Neuevangelisierung konkrete Formen anzunehmen." Die Auswirkungen der Macht des Heiligen Geistes, die der Papst damals mit außergewöhnlicher Kraft angerufen hat, ist weitreichend: Die Mauer, die Europa teilte, ist gefallen. Die Grenzen wurden geöffnet, die Einheit Europas wurde zur Wirklichkeit

Nach Vaticanum II, nach der Adhortatio Evangelii nuntiandi des Papstes Paul VI. und der Enzyklika Redemptoris missio von Johannes Paul II. wird Mission heute nicht mehr als eine beschränkte Mission ad gentes (Missionsvölkern) aufgefaßt, sondern im weiten Sinne als Zeichen der Missionarität der Gesamtkirche verstanden. Nach dem Missionsauftrag des auferstandenen Christus "Geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern" (Mt 28,6), tragen alle Jünger Christi die Verantwortung für das Zeugnis und die Verkündigung des Evangeliums in der heutigen Welt, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß

Eine besondere Verantwortung für die Erfüllung des Missionsauftrages tragen die Bischöfe und Priester, die das Missionsbewußtsein und den Missionseifer unter dem Gottesvolk wecken und aufrechterhalten sollen. Den Auftrag zum Zeugnis und zur Verkündigung des Evangeliums in der modernen Welt, erhalten die Gläubigen im Sakrament der Taufe und der Firmung. Die moderne durch Laizismus, Indifferentismus und Säkularisierung bedrohte Welt, bedarf heute dringend einer Neuevangelisierung. Fast bei jeder Gelegenheit betont Johannes Paul II. mit Nachdruck: "Polen, Europa und die Welt bedürfen dringend einer Neuevangelisierung." Am 3. Juni 1997 bezeugte der Papst noch einmal: "Wir müssen das Werk der Evangelisierung des heiligen Adalbert mit neuer Kraft aufgreifen. Helfen wir denen, die Christus und seine Lehre vergessen haben, ihn wiederzuentdecken." Was bedeutet das vielgebrauchte Wort Neuevangelisierung

Die Neuevangelisierung wird in der Adhortatio Evangelii nuntiandi folgenderweise beschrieben: Nach dem Vorbild der ersten Evangelisierung der apostolischen Zeit (vgl. Lk 24, 49, Apg 1, 8) bedeutet die Neuevangelisierung eine neue Öffnung gegenüber dem im Evangelium innewohnenden Licht und der Kraft des Wortes Gottes, um mit neuem Eifer, ja mit neuer Begeisterung, aber auch mit Anwendung neuer Methoden und Hilfsmittel, die alte und zugleich immer neue Heilsbotschaft durch neue, das heißt durch die Kraft des Heiligen Geistes wiedergeborene Verkünder, als neues in der Gegenwart vollzogenes Heilsereignis zu verwirklichen

Von dieser Definition ausgehend möchte ich auf die wichtigsten Elemente der Neuevangelisierung hinweisen

1) Die Neuevangelisierung bedeutet keineswegs eine Rückversetzung in die apostolische Zeit noch einen Rückgang Europas in das Mittelalter hinein; vielmehr bedeutet sie die Rückkehr zum Geiste und zur Inspiration des Evangeliums selbst. Heute kehren wir zum Evangelium zurück, indem wir eine neue Welt, die zugleich mehr christlich wird, zu bauen versuchen (Bischofssynode 1991)

2) In den der Geschichte und Kultur nach christlichen Ländern Europas ist die Neuevangelisierung mit einer Selbstevangelisierung gleichbedeutend. Genau wie die erste Evangelisierung beginnt die Neuevangelisierung mit der Erfüllung der Botschaft: "Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium" (Mk 1,15)

3) Jede Evangelisierung ist grundsätzlich das Werk des Heiligen Geistes und besteht vor allem in der Bezeugung der Wahrheit der Worte: "Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien bis an die Grenzen der Erde" (Apg 1,8). Die Kraft des Heiligen Geistes beglaubwürdigt sich am deutlichsten in der Bekehrung der Verkünder des Evangeliums. Die heutige Welt braucht mehr Zeugen als Verkünder, oder Verkünder, die die Wahrheit des Evangeliums im eigenen Leben bezeugen. Die Neuevangelisierung setzt auch eine sehr persönliche Beziehung und Begegnung mit dem Auferstandenen voraus

4) Ein wesentlicher Faktor der Neuevangelisierung ist der "neue, in der Kraft des Heiligen Geistes wiedergeborene Mensch". Sie vollzieht sich im wesentlichen im Herzen des Menschen, in der Abwendung von der Sünde und dem sich Auftun gegenüber der Kraft des Heiligen Geistes. Außerdem ist eine ständige Suche nach den neuen Methoden und Mitteln, die die Zugänge zum Herzen des modernen Menschen öffnen, notwendig

5) Die Evangelisierung ist auch immer ein gemeinsames Werk der ganzen Kirche. Das Wort Gottes kann nur in der Atmosphäre des Glaubens gedeihen und Frucht bringen. Deshalb bedarf sie immer außer dem Glauben auch des Gebetes im persönlichen Leben, in der Familie und in der Kirchengemeinde

6) Die Neuevangelisierung umfaßt alle Gebiete der menschlichen Tätigkeit, wie Familie, Kultur und Sozialleben. Sie kann sich nicht auf Privatbereich und Privatzeugnis begrenzen

7) Der Kernpunkt der Neuevangelisierung ist und bleibt die Liebe, die der Herr zum Merkmal und Zeichen seiner Jünger gemacht hat: "Daran werden alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt" (Joh 13,35). (Schluß)

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 42 des 47. Jahrgangs (im Jahr 1997).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Sonntag, 19.10.1997

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