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Anstoß

Hochgenuss und Höhenangst

Auf den Bergen sind wir Gott näher

Martin Weber

Dieses Jahr im August war es wieder soweit: Vierzehn Tage Bergwandern mit meinem Bruder und einem Freund im Allgäu. Für mich immer wieder ein Hochgenuss im wahrsten Sinn des Wortes, auch wenn das Wetter in diesem Jahr "durchwachsen" war. Die Schönheit der Berge und ihre Mächtigkeit beeindruckt mich seit Jugendzeiten. Zugleich haben mich die Berge aber auch herausgefordert, sie zu besteigen. Der weite Blick von oben in eine Landschaft steil aufragender Gipfel kann mir ein Gefühl der Freiheit schenken. Die geheimnisvolle Ruhe und Kargheit der Steinwüste kann die Seele so richtig "durchschütteln", und beim Blick in gewaltige Tiefen der Felsschluchten kann mich dann aber auch die Furcht packen.

Da kommt man sich als Mensch doch sehr klein und machtlos vor. Sicher zieht es uns Menschen aber auch in die Stille windiger Höhen der Bergwelt, um Erfahrungen mit Gott zu machen. So wie Jesus. Er stieg nach anstrengenden Tagen nicht selten auf einen Berg, um sich in der einsamen Natur zu erholen und zu beten. Man denke etwa an die Ereignisse auf dem Berg der Verklärung, die der Evangelist Markus schildert (Mk 9, 2-10). Der aus der Schweiz stammende Theologe Josef Pfammatter nennt Bergwanderungen eine besondere Art der Auszeit: "Von dem Augenblick, da der Mensch den Alltag hinter sich lässt, steigt in seinem Inneren ein Gefühl von Freiheit auf, das immer beherrschender wird, je näher das Ziel rückt. Nicht mehr die Sorgen, auch nicht das unaufhörliche ,Ich sollte noch ...‘ bestimmen sein Lebensgefühl. Die Seele weitet sich: Sie wird fähig, Freude zu empfinden, die Schönheit der Schöpfung wahrzunehmen und dafür dem Schöpfer zu danken".

Der Theologe glaubt natürlich nicht, dass Gott nur auf den Gipfeln der Berge wohnt. Doch das Große, Erhabene und Hohe unseres Gottes kann im Bild des Berges besonders gut zum Ausdruck gebracht werden. Berggipfel sind Orte, an denen es höher nicht mehr geht. Berge sind aber immer auch das, was uns Menschen übersteigt; sie stellen gleichsam einen Punkt dar, an dem sich Himmel und Erde berühren.

Jetzt im Sommer wie zu jeder Jahreszeit brechen Menschen zu Bergwanderungen auf. Viele von ihnen ahnen wahrscheinlich nicht, dass in dieser Tätigkeit mehr steckt, als man auf den ersten Blick vermutet. So können sich die Mühen beim Bergsteigen günstig auf das Bestehen des Alltags auswirken. Ebenso muss einer, der auf Berge steigt oder sie durchwandert, lernen, seinem Kameraden zu vertrauen. Und letztlich macht der Bergsteiger durch die Abhängigkeit vom Wetter die Erfahrung, dass es eine höhere Macht gibt, auf die er keinen Einfluss hat. Das alles sind Dinge, die auch unser "normales" Leben bereichern können.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 36 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Samstag, 09.09.2006

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