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Anstoß

Brückenstreit

Zweckmäßig ist nicht immer sinnvoll

Guido Erbrich

In der Mitte des 19. Jahrhunderts saß der amerikanische Maler McNeill Whistler als Student in Westpoint, der amerikanischen Militärakademie. Er sollte eine Brücke zeichnen und so malte er eine. Es war eine romantische, steinerne Brücke mit grasbewachsener Böschung. Am Geländer lehnten zwei Kindern, die von oben fischten. Der Ausbilder sah das Bild und sagte: "Nehmen sie die Kinder von der Brücke, es geht hier um eine Übung für Ingenieure". Befehl ist Befehl. Whistler verbannte also die Kinder von der Brücke und zeichnete sie auf der Böschung ein. Der Ausbilder schrie ihn an: "Mensch, ich habe doch gesagt, Sie sollen die Kinder entfernen!" Auf der nächsten Version von Whistlers Brücke waren die Kinder ganz aus dem Bild heraus. Sie lagen begraben unter zwei kleinen Grabsteinen am Flussufer.

Wie der Ausbilder weiter reagierte ist nicht überliefert. Entweder hat er noch mehr geschrieen und den frechen Studenten rausgeworfen, oder er hat sich hingesetzt und gefragt, was der Maler mit den Kindern auf dem Bild wollte. Vielleicht hätte er dann gehört, dass die Dinge nicht nur einen Selbstzweck haben. Dass das Umfeld, in dem Menschen leben, auch so gestaltet sein sollte, dass es sich darin leben lässt. Schließlich sollte eine Brücke für viel mehr Dinge gut sein, als nur um einen Fluss zu überqueren.

"Macht euch die Erde untertan". Die biblische Aufforderung meint nicht, alles möglich zu machen, sondern die Welt lebenswert zu gestalten. Da kann es hilfreich sein, viele Verwendungsmöglichkeiten mit in den Blick zu nehmen. Leider fehlt vielen Planungen die Fantasie, die sich hineinversetzt in diejenigen, die mit dem neu Geplanten dann leben müssen. Das gilt nicht nur für den Brückenbau.

Natürlich ist es zweckmäßig, wenn LKW auf den Transitstraßen zu Tausenden zu ihrem Ziel gelangen. Aber es ist lebensweltfeindlich für alle, die an diesen Straßen leben.

Natürlich spart es Kosten, wenn Schulen geschlossen werden und Kinder in größere Schulen fahren. Wenn es in den Orten, die es betrifft, dann keine Schule mehr gibt, hat die Lebensqualität wieder ein Stück abgenommen.

Zweckmäßig ist noch lange nicht sinnvoll – und zum Sinnvollen gehört die Lebensqualität unbedingt dazu. Das hatte Whistler begriffen und deshalb lohnte sich für ihn der Streit mit dem Ausbilder.

Die Welt und die Dinge um uns herum lebenswert zu gestalten, heißt in einem guten Sinn, sich die Welt untertan zu machen. Dazu bedarf es der Kreativität und eines unverstellten Blicks, der nicht nur Zweck und Kosten kalkuliert, sondern auch auf die schönen und unbezahlbaren Dinge des Lebens achtet.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 35 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 01.09.2006

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