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Bistum Dresden-Meißen

Retter kämpfen gegen die Routine

Alltag beim Malteser-Rettungsdienst in Dresden

Bei Rot über die Ampelkreuzung zu fahren findet Sebastian Liebig nicht prickelnd, sondern äußerst anstrengend. Dresden - "Das viele Blut, ein schwerer Unfall nach dem anderen – ich könnte das nicht." So ähnlich reagieren viele Menschen, wenn Sebastian Liebig und Lars Fischer erwähnen, dass sie Malteser-Rettungsassistenten sind. Die Realität ihres Arbeitsalltags ist meist unspektakulärer.

Sebastian Liebig mag an seinem Beruf besonders die Abwechslung: "Morgens nicht zu wissen, was der Tag bringt, das ist spannender als ein Bürojob." Sein Kollege Lars Fischer, der an diesem Augusttag von 7 bis 19 Uhr mit ihm gemeinsam unterwegs ist, sieht das ähnlich. In der Malteser-Dienststelle in Dresden-Friedrichstadt warten die beiden darauf, dass die Dresdner Rettungsleitstelle den RTW 1 (Rettungstransportwagen) zum Einsatz schickt.

Die Kurznachricht auf dem Alarmgerät verrät, dass ein paar Straßen weiter ein Patient mit Harnstau wartet. Sebastian Liebig schwingt sich hinter das Steuer, schaltet Martinshorn und Sirene ein. Wenige Minuten später öffnet eine aufgeregte Rentnerin die Wohnungstür und führt die Rettungsassistenten zum Krankenlager ihres Ehemannes. Der begrüßt sie mit einem kraftlosen Händedruck. Nach der Untersuchung und geduldigem Nachfragen ist Lars Fischer klar, dass die angegebene Diagnose nicht zutrifft. Sein Eindruck: Die Frau bräuchte dringend Unterstützung bei der Pflege ihres Mannes. Eigentlich kein Fall für den Rettungsdienst. Dennoch hat er kein gutes Gefühl bei dem Gedanken, das Paar einfach mit ein paar guten Ratschlägen zurückzulassen. Sicherer scheint es in diesem Fall, einen Arzt hinzuzuziehen. Er verständigt den diensthabenden Notarzt der Malteser, der den Patienten noch einmal untersucht und seinerseits versucht, der nervösen Eefrau verwertbare Informationen zu entlocken. Er fällt schließlich die Entscheidung, den Mann ins Krankenhaus einzuweisen. Dort soll die Medikamenteneinstellung für seine Parkinsonerkrankung korrigiert werden. In dem beengten Schlafzimmer kostet es die Rettungskräfte einige Mühe, den Patienten, der selbst kaum aktiv mithilft, in einen Krankenstuhl zu setzen. "Irgendwann haben die meisten Kollegen einen kaputten Rücken", erzählt Lars Fischer. Im Unikrankenhaus angekommen, schreibt er an einem kleinen Laptop ein Protokoll über den Einsatz. Als er in der Rettungsleitstelle melden kann, dass der RTW 1 wieder verfügbar ist, sind zweieinhalb Stunden vergangen.

Zur Frühstückspause in der Einsatzzentrale sind die Besatzungen aller Malteser-Einsatzwagen versammelt. Das ist selten. Auch dass niemand seinen Kaffee kalt werden lassen muss, weil das Alarmgerät wieder piepst. Den RTW 1 führt der nächste Einsatz in die Innenstadt. In einem Stadtrundfahrtbus ist eine schwäbische Touristin gestürzt. Mit Blaulicht bei Rot über Kreuzungen zu fahren, verlangt Sebastian Liebig höchste Konzentration ab. Jeden Augenblick muss er darauf gefasst sein, dass sein Fahrzeug übersehen wird.

"Ich fühle mich eigentlich ganz gut. Es war mein Mann, der sich Sorgen um mich gemacht hat", entschuldigt sich die ältere Frau, als die Malteser eintreffen. Die Untersuchung im Rettungswagen ergibt, dass die Frau unverletzt ist. Ihr Blutdruck ist allerdings gefährlich hoch. "Das kommt bestimmt nur von der Aufregung", glaubt sie. Und tatsächlich, beim Nachmessen kurz darauf sind wieder Normalwerte erreicht. Das Touristenpaar kann die geplante Elbschifffahrt antreten und bekommt den Ratschlag auf den Weg, sich bei einem Arzt zu melden, falls es der Frau schlecht werden sollte.

Am Nachmittag bekommen die Rettungsassistenten das erste Blut zu sehen. Ein Kanalreiniger hat sich einen Finger unter dem schweren Kanaldeckel gequetscht. "Ist wahrscheinlich so schlimm nicht." Der Anwohner, der den Rettungsdienst benachrichtigt hat, verkneift sich ein Lächeln. Vor seinem Haus sitzt ein kahlrasierter tätowierter Mittvierziger mit Catcherfigur, der sich laut wimmernd seinen blutenden Mittelfinger hält. Es tut ihm sichtlich gut, dass die Einsatzkräfte seine Schmerzen ernst nehmen. Während einer seinen Finger verbindet und der andere ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legt, werden die Klagelaute immer leiser. "Das wird dauern, bis wir ihn drannehmen können", heißt es in der Krankenhaus-Notaufnahme. Während der Kanalreiniger allein auf einer Liege im Krankenhausflur liegt, wird das Jammern wieder lauter. Lars Fischer bittet darum, dem Patienten schmerzlindernde Medikamente zu geben. Eine besondere Herausforderung seines Jobs sieht er darin, nicht in Routine zu verfallen, sondern sich jedem Hilfsbedürftigen mit ganzem Herzen zuzuwenden, erzählt er. Dass kaum einer im Malteser- Team über 50 ist, ist weniger die Folge traumatischer Erlebnisse. "Es ist die Routine, die einen schnell ausbrennen lässt, und es sind die kaputten Rücken", weiß der junge Mann.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 34 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 24.08.2006

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