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Bistum Erfurt

Was Orff im Mond versteckte

Domstufenfestspiele in Erfurt

Erfurt - "Mythos und Religion" war das Motto eines Einführungsabends zu den diesjährigen Domstufenfestspielen, zu dem das Katholische Forum im Land Thüringen gemeinsam mit dem Theater Erfurt eingeladen hatte.

Jahr für Jahr werden die Freunde der Erfurter Domstufen-Festspiele von der Einführungsveranstaltung des Katholischen Forums mit Informationen rund um das aktuelle Stück versorgt. Wenige Tage vor der Premiere von "Der Mond – ein kleines Welttheater" gaben der Musikwissenschaftler Helmut Loos (Leipzig), der Theologe Christoph Bultmann (Erfurt) und die Produktionsdirektorin des Theaters Erfurt, Esther Ferrier, einen Überblick über den "Mond" und seine Besonderheiten der Aufführung.

Gebrüder Grimm boten die Grundlage

Grundlage des Stückes, das 1939 uraufgeführt wurde, ist ein Märchen der Brüder Grimm: Vier Burschen entdecken ein Dorf, das nachts von einer hellen Kugel beleuchtet wird. "Das ist der Mond, den unser Schultheiß für drei Taler erworben hat", werden die Burschen belehrt, die beschließen, den Mond zu stehlen und nach Hause zu bringen. Das Nachtlicht sorgt auch dort für vielfachen Nutzen, bis die vier Bauern ins Greisenalter kommen und ihr Mondviertel mit ins Grab nehmen möchten. So wird der Mond geviertelt und begleitet sie in das Totenreich. Das neue Licht in der Unterwelt bewirkt die Auferweckung der Toten, ihre Auferstehung feiern diese so laut, dass Petrus im Himmel davon erfährt, sich auf den Weg in die Unterwelt macht, das bunte Treiben beendet, den Mond an sich nimmt und zurückbringt an seinen Platz am Himmel.

Zahlreiche Zitate, Anspielungen und Ironisierungen hat Carl Orff in seinem Mond versteckt. Helmut Loos nennt viele Beispiele: Büchners "Woyzeck" und "Dantons Tod", aber auch musikalische Anklänge an Johann Strauss, Richard Wagner oder die Dreigroschenoper sind zu finden. Damit gerät der"Mond" zur Opernparodie und damit zu einem Abschied von der der Romantik. Das Musiktheaterstück wird zu einer – zeittypischen – Suche nach einer Urform der Welt. Dass bei der Orffs Suche nach dem Urmythos das Christentum keine besondere Rolle spielt, wird nicht nur aus der ganz und gar unchristlichen Figur des Petrus deutlich, der in Erfurt fast als Ganove mit Ledermantel und Augenklappe auftritt.

Den Mond wieder an seinen Platz bringen

Die Rolle, die Orff dem Christentum als Durchgangsstation auf der Suche nach dem Mythos zubilligt, wird noch deutlicher beim Vergleich zwischen Märchentext und Oper: Die spezifisch-christlichen Anliegen der Brüder Grimm verschwinden in Orffs Bearbeitung völlig.

Nicht ganz so unchristlich wie der Musikwissenschaftler sieht der Theologe Christoph Bultmann das Orffsche Musikstück. Zwar ist die Unterwelt in der Bibel ein Ort der absoluten Gottesferne, doch aus Psalm 139 wissen wir, dass auch in der Totenwelt Gottes Macht keine Grenzen hat. So gilt bei Orff auch für Gottes Werk die Freiheit, in der Unterwelt für Ordnung zu sorgen und den Mond wieder an seinen richtigen Platz zu bringen.

Für Esther Ferrier sind die Domstufen ein idealer Aufführungsort, weil hier kein Theatersaal Grenzen setzt. Der Mond findet auf den Domstufen eine besondere Beachtung und besonders die "Bestattungszene" wird in der Erfurter Inszenierung zu einem Schauspiel, weil jeder in einem leuchtenden Mondviertel in die Unterwelt getragen wird. Am Schluss vertragen die Stufen sogar eine Prise Kitsch, wenn das Kind entdeckt, dass der Mond wieder am Himmel steht und die Weltenordnung wieder stimmt.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 33 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 17.08.2006

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