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Anstoß

Alle Menschen lügen. Alle !?

Nachdenken über ein Psalmwort

Martin Weber

Es ist immer wieder erstaunlich, wie realistisch die Bibel vom menschlichen Leben spricht. Da wird nichts beschönigt. Da wird unser Leben so beschrieben, wie es in Wirklichkeit ist. Die Psalmen im Alten Testament sind dafür ein markantes Beispiel. Die Überschrift dieses Artikels zitiert den elften Vers von Psalm 116. Ich habe diese Zeile noch durch ein Fragezeichen ergänzt, um das, was der Psalmbeter ausspricht, nicht ganz so hoffnungslos erscheinen zu lassen.

Nun können wir den Psalmvers auch noch einmal anders in unser Leben übersetzen: Der Mensch ist ein Lebewesen, das der Lüge fähig ist. Das ist dann eine Beschreibung, die ebenso richtig ist wie jene, die den Menschen ein Lebewesen nennt, das zu denken, zu sprechen oder zu lachen versteht. Es mag wohl auch eine pessimistische Beschreibung des Menschen sein, aber sie zu widerlegen wird schwierig.

Ein gutes, wenn auch abgründiges Beispiel für die Doppelzüngigkeit menschlicher Existenz ist der Krieg. Wenn wir in diesen Tagen das Fernsehen einschalten oder die Zeitungen aufschlagen, blickt sie uns unaufhörlich an: Die Fratze des Krieges. Einmal haben wir es mit nicht enden wollenden Scharmützeln im Irak und in Afghanistan zu tun. Und neuerdings "brennt" der Nahe Osten. Das geht auch besonders uns Christen unter die Haut!

Ich will nun nicht die Argumente für oder gegen diese kriegerischen Auseinandersetzungen wägen. Ich möchte vielmehr den Finger auf eine in Kriegszeiten immer blutende Wunde legen: Diese blutende Wunde heißt "Wahrheit". Die "Wahrheit" bleibt in allen Kriegen immer zuerst auf der Strecke. Da operieren die Kriegsgegner mit Zahlen von Toten und Verwundeten, die wir als Außenstehende niemals überprüfen können. Die Zahlen sagen aber sicher eines: Hinter ihnen verbirgt sich unendliches Leid und sicher unvorstellbare Grausamkeit!

In seinem berührenden Buch "Lügen in Zeiten des Krieges" schildert der amerikanische Autor Louis Begley die Ereignisse des Mordes an den Juden im Zweiten Weltkrieg in Polen, insbesondere die zum Überleben notwendigen Lügen aus der Sicht eines kleinen Jungen. Bei der Lektüre des Buches kann man lernen, dass beim Problem der Lüge "Schwarz" und "Weiß" im Leben nicht immer so eindeutig verteilt sind. Es gibt die tausend Arten "diplomatischer" Lüge, und nicht nur bei Diplomaten gibt es sie. Wahrscheinlich ist sogar das "wirkliche" Leben in einer Gesellschaft nicht so beschaffen, dass jemand ohne ein bisschen Lug und Trug "durchkommen" könnte.

In unserem Psalm 116 heißt es jedenfalls in Vers 7: "Komm wieder zur Ruhe mein Herz". Das finde ich tröstlich. Nach all dem, was ich als Mensch durchlebe und durchleide kann ich mich zu guter Letzt immer bei Gott "ausruhen".

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 32 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 11.08.2006

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