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Bistum Dresden-Meißen

Pfeiler für die Brücke ins neue Leben

Notfallseelsorge in Chemnitz

Schwester Bernadette (Zweite von links) und Pfarrer Haase mit den beiden neuen Chemnitzer Notfallseelsorgerinnen Alexandra Köhler (links) und Beate Pal. Foto: Matthias Holluba Chemnitz (mh) - Sie sind Krankenschwester, Sparkassenangestellte oder Ordensfrau, Pfarrer, Rentner oder Zahnärztin. In ihrer Freizeit sind sie ehrenamtliche Notfallseelsorger. Seit zehn Jahren gibt es in Chemnitz diesen Dienst. Es war der erste in Westsachsen.

Todesnachrichten überbringen, bei Unfällen die Zeugen oder die Familie der Opfer betreuen, nach einem Selbstmord Gesprächspartner für die Angehörigen sein – was konkret Schwester Bernadette Böhm, Alexandra Köhler, Pfarrer Christoph Haase oder Erich Leis und die 13 weiteren Mitstreiter erwartet, wenn sie Notfallseelsorge- Bereitschaftdienst haben, erfahren sie erst, wenn ihr Telefon klingelt. Dann werden sie von Polizisten, Feuerwehrleuten oder Notärzten zu Hilfe gerufen. "Die Rettungskräfte müssen ihre Aufgaben erfüllen, für die Sorge um die Betroffenen oder Angehörigen bleibt da keine Zeit", sagt Schwester Bernadette, die Leiterin der Notfallseelsorge. Genau dafür sind die Notfallseelsorger da.

Gemeinsam unter dem Dach der Caritas

Seit zehn Jahren gibt es in Chemnitz jetzt diesen Dienst, der von katholischen und evangelischen Christen gemeinsam geleistet wird und dessen Träger inzwischen die Caritas ist. Beim Dankgottesdienst erhielten zwei neue Mitarbeiterinnen von Caritas- Geschäftsführer Matthias Bartosch ihre Beauftragung. Er freue sich, dass die Notfallseelsorge in der Stadt heute einen guten Ruf habe. "Die Notfallseelsorger leisten eine wichtige Arbeit für die Betroffenen und die Mitarbeiter der Rettungsdienste."

Alexandra Köhler ist eine der jetzt Beauftragten. Obwohl Notfallseelsorge keine leichte Aufgabe sei, liegt ihr dieser Dienst sehr am Herzen: "Wer hält es schon aus, bei Menschen zu sein, denen es nicht gut geht." Wie viel Fingersitzengefühl dabei notwendig ist, zeigt ein Beispiel, dass sie aus ihrer Ausbildung erzählt: "Wenn Sie zu jemandem gehen, der gerade Angehörige verloren hat, ihm die Hand entgegenstrecken und einen ,Guten Abend‘ wünschen, kann alles schon schiefgegangen sein." Jeder Fall ist ein Einzelfall. "Es gibt keine Patentrezepte, sagt Alexandra Köhler. "Mal brauchen Betroffene nur unsere Nähe, ein anderes Mal muss man sie ermuntern zu weinen oder zu schreien." Als Notfallseelsorgerin möchte sie für die Betroffenen so etwas sein wie ein "Pfeiler für die Brücke in ein neues Leben".

Wie oft Erich Leis das schon gewesen ist, weiß der Rentner nicht. Er gehört zu den Notfallseelsorgern der ersten Stunde in Chemnitz. Bis heute bekommt er aber jedes Mal einen Schreck, wenn das Telefon klingelt. "Diese Arbeit ist für mich konkrete Nächstenliebe", sagt er. Das sei aber nicht zu verwechseln mit Mission. Gelegentlich sei ihm von Betroffenen schon gesagt worden, die Kirchen brauchen wir nicht.

Unausgesprochene Angst vor Missionierung

Das ist wohl eines der größeren Probleme, mit denen die Notfallseelsorge in Chemnitz in den vergangenen zehn Jahren immer wieder zu tun hat. Die unausgesprochene Angst, dass die Kirchen auf diese Weise missionieren wollen, ließ manchen Mitarbeiter von Rettungskräften zurückschrecken, Notfallseelsorger zu rufen. "Wir wollen nichts von Gott erzählen. Wir wollen Mensch für andere Menschen sein, wenn sie einen Menschen brauchen", sagt der evangelische Pfarrer Christoph Haase. Im Laufe der Zeit hat sich das in Chemnitz wohl auch herumgesprochen. Die wachsende Zahl der Einsätze könnte ein Indiz dafür sein. Auch die persönlich überbrachten Glückwünsche des leitenden Notarztes und der Brief des Polizeipräsidenten zum Zehnjährigen sind für Schwester Bernadette und ihre Mitstreiter Zeichen der Anerkennung.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 32 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 11.08.2006

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