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Anstoß

Gott suchen in der Wüste der Städte

Die Stadt als einen Ort Gottes erfahren

Susanne Schneider

Jetzt in der Urlaubszeit besuchen viele Menschen andere Städte und Länder. Dort, beispielsweise in Bayern oder Italien gibt es viele Zeugnisse der Volksfrömmigkeit: In den Städten große, meist wertvolle Kirchen, auf dem Land Wegkreuze, die mit Blumen geschmückt sind, Bildstöcke, Kapellen und so weiter.

In den neuen Ländern gibt es diese Art der Volksfrömmigkeit weniger: Die Städte und Dörfer haben zwar Kirchen, aber diese sind oftmals verschlossen und in schlechtem Zustand.

In Leipzig scheint sich der katholische Glaube "versteckt" zu haben. Es gibt zwei große Zeugnisse der christlichen Religion, die beide evangelischer Konfession sind: St. Thomas und die Nikolaikirche. Wer die katholische Kirche sucht, muss einen Stadtplan zur Hand nehmen: die Propsteikirche ist nicht allzu weit von der City entfernt, aber etwas verborgen am Rande.

Und der Raum der Stille in der Innenstadt ist offen für alle Menschen, besonders für die Nichtchristen, und er hat deshalb keine konfessionelle Prägung. Doch auch dieser Raum ist nicht leicht zu finden.

Sind die fehlenden religiösen Orte ein Substanzund Identitätsverlust, den man nur bedauern muss? Geht der Verlust religiöser Symbole einher mit einem Verlust des Glaubens?

Diese Frage lässt sich schwer beantworten. Sicherlich hängt der Glaube nicht von religiösen Symbolen ab. Der heutige Mensch hat vielleicht andere Formen, das Religiöse zu suchen und zu finden und es ist gute christliche Lehre, dass Gott an keinen Ort gebunden ist. Man findet Gott in den großen Zeugnissen christlicher Tradition, aber man kann ihn auch im Park, im Geschäftshaus, im Stadion, und in besonderer Weise in den Menschen finden: "Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt" (Joh.1,26).

Ein bevorzugter Ort, um mit Gott in Kontakt zu treten, ist seit biblischen Zeiten die Wüste: ein Ort der Kargheit und Stille, an dem nichts direkt auf Gott hinweist, aber auch ein Ort, an dem mich nichts vom unbegreiflichen Gott ablenkt. Der französische Philosoph Jacques Derrida nennt die Wüste einen besonderen Ort Gottes.

Unsere Städte haben in dieser Hinsicht viel mit der Wüste gemein: Gott springt mir nicht auf den ersten Blick ins Auge. Wenn ich ihn finden will, muss ich ihn suchen. Vielleicht sind wir stärker als früher herausgefordert, unsere Städte in diesem Sinn als Ort Gottes zu sehen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 30 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 28.07.2006

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