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Bistum Dresden-Meißen

Friedliches Nebeneinander

Simultankirchen sind das Hobby eines Bautzner Stadtführers

Stadtführer Heinz Henke Bautzen - Der Bautzner Dom ist eine Simultankirche mit einigen Besonderheiten. Deutschlandweit gibt es 64 Simultankirchen. Der Bautzner Stadtführer Heinz Heinke hat sich mit ihnen beschäftigt.

Ein bauchhohes Eisengitter trennt den katholischen vom evangelischen Teil ab. "Bis 1952 war es noch 4,50 Meter hoch", erzählt Stadtführer Heinz Henke im St.- Petri-Dom Bautzen. Sein Blick wandert auf die Tür mittendrin. Sie lässt sich jederzeit öffnen. "Man kann sich wieder besuchen", lacht der 62-jährige. Seit Jahren erkundet er die Historie von Simultankirchen. Bundesweit gibt es 64. Seit 1524 nutzen Katholiken und Protestanten den Bautzener Dom gemeinsam.

"Er ist die früheste Simultankirche Deutschlands", sagt der Stadtführer. "Von der Zahl der Sitzplätze die größte Simultankirche bundesweit." 294 Plätze auf katholischer und 925 auf evangelischer Seite enthält der Dom. Er ist die einzige Simultankirche, in der das Langhaus innen offen, aber trotzdem in der Nutzung getrennt ist. Die einzige Simultankirche weltweit, die als Bischofskirche diente. Befand sich doch bis 1980 der Sitz des Bistums Meißen in Bautzen. So viele Besonderheiten faszinieren Heinz Henke.

Großmütter weckten Interesse an Kirchen

"Ich habe mich immer für die Unterschiede zwischen den Konfessionen interessiert", schildert er aus der Kindheit. In Rothenburg an der Neiße wuchs er auf. Nach dem Krieg, im Juli 1945, fand die in Schlesien beheimatete Familie hier wieder zusammen. Vaters Mutter war Protestantin, Mutters Mutter Katholikin. Oft stritten sie über den "richtigen" Glauben. "Die Not schweißte die Familie zusammen", entsinnt sich Heinz Henke. "Ich konnte mir aber nicht vorstellen, wie beide Christen eine Kirche nutzen." Oft nahmen ihn die Großmütter in ihre Gottesdienste mit. Ohne ihren Glauben dem Jungen überzustülpen. Er lernte die Feierlichkeit und Demut der Katholiken kennen. Ihre lateinisch geprägte Liturgie. Er lernte die Nüchternheit und Schlichtheit der Protestanten kennen, ihre Liturgie in Deutsch. "Das Schönste war, wenn wir Weihnachten Kerzen auf dem Brett fürs Gesangbuch mit aufstellen durften." Die Eltern kehrten eines Nachts von einer Ausfahrt aus Bautzen zurück. Sie erzählten voller Spannung vom Dom. 1966, damals auf Arbeitssuche in Bautzen, spürte Heinz Henke erstmals seine Faszination. "Sowohl im Bau als auch im praktischen Leben."

Petri-Dom ist seit der Reformation Simultankirche

Entstanden war der Dom 1213. Bischof Bruno II. von Meißen weihte ihn 1221. Vom Stil her ist er eine Prozessionsumgangskirche mit ehemals 35 Altären. Der Ostteil knickt schräg ab. Wieso? "Eine Frage der Baugeschichte", deutet der Bautzener auf vier Erklärungen. "Die einen sagen: Die Kirche wuchs mit der Größe der Stadt. Beim Erweiterungsbau folgte man dem Straßenzug." Andere berufen sich auf Baugrund-Untersuchungen. Sie verweisen auf den Verlauf der Felsenkluft, nach der sich der Bau möglicherweise richtete. Weitere führen den besonderen Sonnenstand am Johannestag ins Feld. War doch die Kirche einst Johannes dem Täufer, geweiht. "Und andere sagen: der Dom ist wie der geneigte Leib Jesu. Jedoch in umgekehrter Richtung", so der Stadtführer. "Bewiesen ist nichts. Wahr ist, dass durch die brechende Sichtachse ein wunderbarer räumlicher Eindruck entsteht."

Die Nutzung als Simultankirche begann in der Zeit der Reformation. Damals waren unter den 8 000 Bautzener Bürgern nur noch 30 Katholiken. Protestanten drängten auf die Nutzung des Doms. Domdekan Küchler entschärfte den Konflikt, bot die gemeinsame Nutzung an. Sein Nachfolger, Dekan Johann Leisentritt (1559– 1586), sorgte maßgeblich für einvernehmliche Verträge zwischen evangelischer Bürgerschaft und katholisch gebliebenem Domstift. Bereits seit 1543 regelte ein Vertrag die Verwendung der Orgel. Die Protestanten durften sie jetzt an 24 festgelegten Sonntagen in den Gottesdienst einbeziehen. Das Domstift behielt sich die uneingeschränkte Nutzung der Orgel vor. Der Klerus in Rom sah die simultane Praxis als Provisorium. Niemand erwog sie zu dieser Zeit auf Dauer.

Heinz Henke wollte zu Simultankirchen mehr wissen. Bundesweit forschte er nach. Inzwischen führten ihn fünf Studienreisen in Simultankirchen. Im September 2005 schrieb er alle 23 evangelischen Landeskirchen an, zudem alle 20 Bistümer und sieben Erzbistümer. Fazit: Bundesweit gibt es 64 Simultankirchen. Nahezu alle hat Heinz Henke vor Ort besucht. Die "harten Fakten" hat er gesammelt. Einen längeren, rund 100 Seiten starken Aufsatz will er zu Simultankirchen schreiben.

Warum sie entstanden? Die Ursachen sind vielfältig. Vor 1550 lag die Entscheidung vor allem auf lokaler Ebene. Später, bis 1648, befanden die Landesherren darüber. Mit der Pfälzer Kirchendeklaration 1705 kam die Eingrenzung auf bereits bestehende Standorte. "Die Entstehung war keine Frage des Eigentümers. Eher eine Frage des Vertrages vor Ort und der Nutzung." Zumeist führten wirtschaftliche, bauliche, personelle Ursachen zur Entstehung. Simultankirchen entstanden, wenn Gemeinden sich einschränken mussten. Auch die in letzter Zeit errichteten ökumenischen Gemeindezentren sieht er in der Tradition der Simultankirchen.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 30 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Freitag, 28.07.2006

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