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Anstoß

Ruhestand adé?

Vielleicht auch eine Möglichkeit

Guido Erbrich

"Ohne meine Ruheständler würde es gar nicht gehen." Die nüchterne Analyse eines Pfarrers, der über die pensionierten Geistlichen in seiner Gemeinde sprach, ließ mich aufhorchen.

Nicht, weil ich mich wunderte, dass Ruheständler durchaus fleißige Menschen sind und ehrenamtlich eine Menge machen. Das ist nichts Neues und trifft bei weitem nicht nur auf Pfarrer in Ruhe zu. Neu scheint zu sein, dass durch dieses Engagement der pensionierten Pfarrer in vielen Bereichen der Gemeinden überhaupt noch etwas geschieht.

Trotz dem immer deutlicher werdenden Mangel an "Gottes geistlichem Bodenpersonal" liegt hierin vielleicht etwas Gutes: Oft haben Pfarrer im Ruhestand für die eigentlich seelsorglichen Aufgaben einer Gemeinde weit mehr Zeit, als sie es als Pfarrer im Normalfall bisher hatten. Möglicherweise entsteht hier – in einer Zeit, wo die bisher gewohnte "Priesterdichte" sich massiv reduziert – ein neues Arbeitsfeld, dass still und heimlich zur Seelsorge zurückfindet. Denn die darin Tätigen müssen sich nicht sonderlich um Finanzen, Haushaltspläne, Baumaßnahmen, Gremienarbeit, Religionsunterricht und weitere 1000 Dinge kümmern.

Dabei haben diese Priester, im Hinblick auf ihre Lebens- und seelsorgliche Erfahrung über Jahrzehnte hinweg, einiges in die Gestaltung einer Kirche, die sich von heutigen pastoralen Aufgaben gefordert sieht, beizutragen. Gerade, weil sie in der Regel etwas lockerer eingebunden sind als "Hauptamtliche", die in Seelsorgeeinheiten und zusammengelegten Pfarreien oft kaum die Chance haben, mit etwas Abstand und Abgeklärtheit auf ihre Gemeinde zu schauen.

Ein Pensionär bringt das so auf den Punkt: "Ich habe in den vergangenen Jahren nicht sagen können, wofür ich zur Verfügung stehe, sondern habe angenommen, was anfiel. Ich habe zwar mein Pfarramt aufgegeben, mich aber dem Bischof zur weiteren seelsorglichen Verwendung zur Verfügung gestellt. In diesem Status bin ich überhaupt nicht im Ruhestand."

Das, was bei Priestern derzeit aus einer Not heraus geschieht, könnte in unserer Kirche auch eine Chance für andere Menschen im Ruhestand sein. Aktiv sein in Gemeinden, in der jung und dynamisch sein nicht "krampfverpflichtend" ist. Mitwirken in einer Kirche, in der alle Generationen ihren Platz haben, gebraucht werden und in der Jung und Alt voneinander lernen.

Das es ohne Pensionäre in vielen Gemeinden gar nicht gehen würde, dass sind neue Töne. Und, meine Vermutung: Diese Töne werden lauter.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 27 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 06.07.2006

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