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Bistum Görlitz

Kein Abschied für immer

Bischof Rudolf Müller geht an seinem 75. Geburtstag in den Ruhestand

Wer dem Bischof persönlich gratulieren wollte, musste Geduld mitbringen. Die Schlange im Festzelt auf dem Gelände des Bischöflichen Ordinariates wollte nicht enden. Diözesanjugendseelsorgerin Ingrid Schmidt hat es geschafft und überbringt auch im Namen ihrer Mitarbeiter die besten Wünsche für den Bischof. Foto: Andreas Schuppert Görlitz - Ein Mann großer Worte war er nicht. Und dennoch hat Bischof Rudolf Müller die Geschicke des Bistums Görlitz maßgeblich mitgeprägt. Am vergangenen Samstag ist er 75 Jahre alt geworden.

"Er ist eine Melodie", hat ein Mitarbeiter im Bischöflichen Ordinariat einmal über seinen Dienstherrn gesagt. Denn ob Bischof Rudolf Müller sitzt, geht oder steht: Er summt ein Liedchen. Die Musik gehört zu seinem Lebensinhalt – eigentlich wollte er mal Kirchenmusiker werden. Und er hofft, jetzt auch ein wenig mehr Zeit dafür zu haben, denn der Oberhirte wird seinen wohlverdienten Ruhestand genießen können. Papst Bendedikt XVI. hat das Rücktrittsgesuch des Bischofs angenommen.

Ein Bischof zum Anfassen

Freude und Trauer mischen sich ein wenig, als Bischof Rudolf Müller an seinem 75. Geburtstag in Anwesenheit zahlreicher Mitbrüder, Vertretern aus Politik und Gesellschaft sowie unter großer Anteilnahme der Gläubigen seinen letzten Gottesdienst als residierender Bischof feiert. Ein Mann großer Worte war er nicht, sondern liebte eher die leisen Töne. Dafür haben seine Schäfchen den "Volksbischof" um so mehr gemocht. Rudolf Müller, heißt es, ist einer, mit dem man reden kann, ein Bischof zum Anfassen eben, der sich mit Intellektuellen genauso verständigt, wie mit "einfachen Leuten". Das ist seine Stärke. Wenn er jetzt in den Ruhestand geht, wird er an so manches Ereignis in seinem über 50-jährigen Priesterleben zurückdenken. "Es war beileibe nicht immer Sonnenschein", gibt der Oberhirte unumwunden zu. Aber seinen Schritt, Priester zu werden, hat er nie bereut. "Ich hatte immer Menschen, die mich liebevoll begleitet haben". Nicht nur als Bischof hat er das kirchliche Leben im Bistum Görlitz wesentlich mitbestimmt.

Wie viele seiner Generation war der junge Rudolf Müller geprägt durch Krieg und Vertreibung. Aufgewachsen im schlesischen Schmottseiffen verlebte er eine "sehr glückliche Kindheit", wie er später immmer wieder betonen wird. Die Kriegswirren verschlugen die Familie nach Luckau, wo Müller seine Jugend verbrachte, ehe er sich entschloss, Theologe und Priester zu werden. Die Vetreibung aus der schlesischen Heimat hat der Bischof zeitlebens als schmerzlich empfunden.

1955 empfängt er in Neuzelle die Priesterweihe – seine Diakonweihe hat er noch selbst an der Orgel begleitet. Müller wird Kaplan in Wittichenau, Hoyerswerda und Görlitz. Bald wird er Rektor des Katechetenseminars in Görlitz, eine Zeit, die ihn "sehr geprägt hat". Danach wechselt er ins Bischöfliche Ordinariat, wird Seelsorgeamtsleiter und übernimmt nebenher eine ganze Reihe anderer Aufgaben, was ihm den Namen "Mehrzweck-Müller" eingebracht hat.

Am 1. Juli 1987 wird er von Bischof Bernhard Huhn zum Bischof geweiht, seit 1994 leitet er die Diözese Görlitz, die zuvor von der Apostolischen Administratur zum Bistum erhoben wurde. Wenn er heute zurückblickt, dann sind es besonders die schwierigen Jahre in der DDR gewesen, die "eine harte Prüfung" für die Kirche gewesen waren. "Das was die DDR-Ideoligie angerichtet hat, ist nicht wieder gutzumachen". Bischof Müller hat den Schwund der Christen erlebt, auch die Verunsicherungen nach der Wende 1989, den Weggang vieler junger Menschen.

Kirche muss in die Öffentlichkeit

Bischof Müller hat zwar spektakuläre Auftritte vermieden, die Öffentlichkeit aber nicht gescheut. Im Gegenteil: In seinen letzten Predigten und Ansprachen hat er immer wieder auf die Notwendigkeit kirchlicher Präsenz hingewiesen. Die Gemeinden sollten sich nicht verstecken, sondern auf ihre nicht christliche Umwelt einladend wirken. Der moderne Mensch suche nach verlässlichen Orientierungen und einer tiefen Hoffnung, die "ihm Halt in einer oft haltlosen Gesellschaft" geben, Oftmals greife eine tiefe existentielle Verunsicherung um sich. "Angesichts der Massenarbeitslosigkeit ist es die Angst um den Arbeitsplatz, der Millionen in unserer Gesellschaft ausgesetzt sind". Hier müsse die Kirche als ein Ort der Hoffnung erfahren werden, an dem die existentiellen Nöte, "die Ängste und Trauer" der Menschen ihre Aufmerksamkeit finden. " Die Christen dürften wiederum nicht verzagen, auch wenn sie in der Minderheit seien.

Bischof Müllers Abschied ist kein Abschied für immer. Er wird im Auftrag des Diözesanadministrators, der für die Zeit der Sedisvakanz das Bistum leitet, weiter bischöfliche Funktionen wie Firmungen, Diakon- oder Priesterweihe übernehmen. Zudem will er auch wie bisher in den Gemeinden zu Gast sein. Altbischof Müller hat sich vorgenommen, den Kontakt nicht zu verlieren.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 26 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 29.06.2006

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