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Anstoß

Eine Begegnung

Maria und Elisabeth

Susanne Schneider

Am 2. Juli, dem Sonntag, steht ein Fest im Kalender, das wohl – leider – von der Liturgie des Sonntags "geschluckt" wird: Mariä Heimsuchung. "Heimsuchung" ist ein altes Wort, und bedeutet soviel wie Besuch. Ursprünglich war der Ausdruck "jemanden heimsuchen" nicht mit einem negativen Beigeschmack behaftet, wie das heute der Fall ist.

Und zwar wird am 2. Juli gefeiert, wie eine schwangere Frau eine andere schwangere Frau besucht: Maria besucht Elisabeth.

Maria ist, so würden wir heute sagen, ungeplant schwanger. Sie hatte es sicherlich nicht leicht: jung, schwanger, ohne die Sicherheit einer Ehe und eines geregelten Lebens.

Dennoch erzählt das Lukasevangelium, wie sie dem Plan Gottes zustimmt und ihr berühmtes "Es geschehe nach deinem Wort" spricht. Der Engel Gottes hatte diese junge Frau mit einer ungeheuren Nachricht konfrontiert: Sie solle einen Sohn gebären, ihm den Namen Jesus geben und Gott der Herr werde ihm den Thron seines Vaters David geben. Ob Maria diese Aussagen verstanden hat, bleibt dahingestellt, jedenfalls stimmt sie dem Plan Gottes zu.

Wir wissen nicht, wie es ihr gegangen ist, als der Engel wieder weg war. Vielleicht hat sie begonnen zu zweifeln? Für viele Menschen ihrer Umwelt war sie jetzt ein Flittchen, das nicht einmal weiß, wer der Vater ihres Kindes ist. Hier herrschen keine "geregelten" Verhältnisse, hier wird eine Familie vorgestellt, die ganz und gar nicht in die Moralvorschriften passt. Die Bibel schreibt nichts darüber, aber wir können uns gut vorstellen, dass all das Maria durchaus zu schaffen machte und sie unter dem Unverständnis ihrer Umwelt litt.

Und in dieser Situation macht sie sich auf und sucht Unterstützung und moralischen Beistand bei ihrer Cousine, die auch mit dem unerwarteten Eingreifen Gottes in ihr Leben umgehen muss. Denn auch Elisabeth ist schwanger, obwohl sie schon so alt ist.

In beiden Fällen bringt die Schwangerschaft den Frauen viel Ungewöhnliches. Beide Frauen müssen damit fertig werden, dass sie eigentlich anderes geplant hatten. Und beiden Frauen gelingt es, zu den Plänen Gottes aus ganzen Herzen "ja" zu sagen. So können sie zu wichtigen Mitarbeiterinnen Gottes werden.

Und in der Begegnung ereignet sich dann ein freudiges, hoffnungsvolles, schönes Ereignis: Der ungeborene Johannes regt sich – und seine Mutter spürt, dass hier etwas ganz Besonderes vor sich geht. Elisabeth, die ältere und weisere Frau, preist die junge Maria selig und diese wiederum gibt das große Lob, das ihr gilt, an Gott weiter und spricht das Magnifikat.

Im Magnifikat ist eines der wichtigsten Themen der christlichen Theologie ausgedrückt, nämlich, dass Gott auf der Seite der Armen und Verachteten ist, so wie es die beiden Frauen am eigenen Leib erfahren haben. Wegen seiner hohen Bedeutung ist es kein Zufall, dass dieser Lobpreis im Stundengebet der Kirche, in der Vesper vorkommt, und so jeden Tag gebetet wird.

Im Magnifikat kommt zum Ausdruck, dass Gott das Leben will und mit denen ist, die trotz Schwierigkeiten auf ihn vertrauen, so wie Maria und Elisabeth.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 26 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 29.06.2006

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