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Bistum Magdeburg

Kultur der Menschlichkeit

Akademikertag in Magdeburg

Von Eckhard Pohl
Magdeburg. Die Herausforderungen an die Gesellschaft im Allgemeinden und die Kirche im Besonderen im Blick auf eine Kultur der Menschlichkeit standen im Mittelpunkt eines Akademikertages in Magdeburg.
Wichtige Aufgabe der Christen in der modernen Gesellschaft ist es, ihr kulturelles Gedächtnis zu sein. So lautete eine der Thesen der Kulturbeauftragten der Evangelischen Kirche in Deutschland, Petra Bahr, am 17. Juni in Magdeburg. Nur auf dem Hintergrund ihrer christlichen Herkunft könne es der modernen Gesellschaft gelingen, wirklich menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.
Die Menschenwürde im tiefsten Sinne bleibe aber nur gewahrt, wenn die Welt als Schöpfung Gottes verstanden wird, so Frau Bahr. Voraussetzung sei zudem, dass der Mensch gemäß des christlichen Glaubens von der unverdienten Gnade Gottes mehr bleibt als das, was er leistet und was er sich kaufen kann. Zudem könne allein der Glaube an Tod und Auferstehung Jesu helfen, auch in tiefste Abgründe des Menschseins zu schauen und Gewalt, absolut Böses und die dunkle Seite Gottes zu thematisieren, so die Theologin. Hier komme der Theologie auch eine gesellschaftskritische Funktion zu. Allerdings sei die Theologie in der Gefahr, diese immer wieder aus dem Blick zu verlieren.
In ihrer christlichen Glaubens-praxis drängt es Menschen nach "sinnlich anmutenden Zeichen des kulturellen Gedächtnisses der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart und Zukunft", stellte Fau Bahr fest. Nicht zuletzt deswegen investierten evangelische und katholische Kirche wieder mehr in den Dialog mit Künstlern, da diese in der Lage seien, solche Zeichen zu schaffen.
Nach Darstellung des Bochumer Moraltheologen Udo Zelinka ist der Mensch als Mängelwesen geradezu darauf angewiesen, in die Natur einzugreifen. "Diese handelnde Umgestaltung der Natur wird zur Kultur des Menschen, zu seiner zweiten Natur", so Zelinka. Der Auftrag des Menschen, über die Natur zu herrschen, sei zentrales Kennzeichen der Gottesebenbildlichkeit in Verbindung mit seiner Bestimmung, Verantwortung zu übernehmen. "Der Mensch ist nicht Gott. Und es ist seine größte Gefahr, sein zu wollen wie Gott", so Zelinka. "Aber als Ebenbild Gottes ist der Mensch gefordert, wie Gott zu handeln, ihn nachzuahmen. Denn nur so kann er eine menschenwürdige Gesellschaft hervorbringen." Zelinka wandte sich mit Nachdruck gegen eine Gesellschaft wie die heutige, in der die Wirtschaft alles gesellschaftliche Handeln bestimmt, so dass "immer mehr Menschen den Eindruck gewinnen, der Mensch ist um der Wirtschaft willen da und nicht umgekehrt". Die Ursachen dieser Entwicklung lägen im Glauben an den technischen Fortschritt seit Beginn der Aufklärung und in der Verabschiedung von einem Glauben an eine von Gott geordnete Wirklichkeit. Zelinka nannte in diesem Zusammenhang Entwicklungen in der Stammzellenforschung auf europäischer Ebene, die deutsches Recht unterlaufen. Politisches Handlen werde dabei von wirtschaftliche Interessen gelenkt. "Alles, auch der Mensch selbst wird erforschbar, beherrschbar, produzierbar -und damit verkaufbar."
Um einer Kultur der Menschlichkeit zu dienen, verlangt Zelinka einen Perspektivenwechsel: Ein Blickwinkel müsse die Frage sein, ob jeweilige Entwicklungen tatsächlich die Kultur der Menschlichkeit fördern. Gegebenenfalls bedürfe es entsprechender Gesetze und Interventionen durch Staat und Gesellschaft. Eine zweite Perspektive sei der Blick auf die eigene Identität: "Die jeweils in der Verantwortung Stehenden müssen sich selbst die Frage beantworten, ob das, was sie zu- oder unterlassen, sie nicht selbst hinter ihr eigenes Menschsein zurückfallen und buchstäblich unmenschlich werden lässt."
Kritik am massiven Sparkurs im Blick auf öffentliche Kulturträger und an der gleichzeitigen Kommerzialisierung von Kulturleistungen übte Jakob Johannes Koch von der Deutschen Bischofskonferenz. Hier sei "von einer Kultur der Menschlichkeit nichts zu spüren", zumal die Nachfrage nach Kulturangeboten wachse. Vielen Bürgern dämmere inzwischen, was Kirche als Kulturträgerin für die Gesellschaft leistet. Die Kirchen investierten etwa 20 Prozent ihrer Einnahmen in Kulturarbeit.
Koch verwies auf die hohe Wertschöpfung durch ehrenamtliche Arbeit im Raum der Kirche. Insofern wirke sich eine wieder zunehmende Ausdehnung der beruflichen Arbeitszeit nicht förderlich auf eine Kultur der Menschlichkeit aus. Nach Einschätzung Kochs bedarf es sowohl des "Mutes" als auch des "Pflichtbewusstseins" zu kirchlichem Kulturengagement in der säkularen Gesellschaft. Dieses notwendige Engagement sei zutiefst im christlichen Glauben begründet, dessen Grundpfeiler Martyria, Liturgia und Diakonia sind. Alle drei Wesensaspekte prägten eine Kultur der Menschlichkeit, wovon auch Wissenschaft, Technik und Wirtschaft profitierten.

Vorträge unter: www.katholische-akademie-magdeburg.de

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 26 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 29.06.2006

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