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Anstoß

Nonnen in Zeiten der Fußball-WM

Ein Anstoß

Guido Erbrich

Anstoß, und dann? Im Fußball ist das klar. Der Schiedsrichter pfeift und der Ball rollt los. Und mit etwas Glück landet er irgendwann im Tor. Wenn die Stürmer treffen.

Zum Bennofest in Meißen schickten die Zisterzienserinnen aus dem Kloster St. Mariestern eine Mannschaft, die alles andere tat, als in der Verteidigung zu mauern. Sie kamen zwar nicht, um Fußball zu spielen, aber was sie auf der großen katholischen Fanmeile veranstalteten, lässt sich durchaus fußballerisch messen.

Offensive: Vorbeigehende wurden charmant aufgefordert, sich doch einmal die Mannschaftskleidung der Schwestern überzustreifen. Mädchen, Frauen, verheiratet, ledig, viele hatten die Chance mal in einen echten Habit zu schlüpfen. Kloster nicht interessant – Fehlanzeige 1 :0.

Taktik: Nicht einfach ab durch die Mitte, sondern geschickt über die Flügel. Die Schwestern zeigten sich von einer unerwarteten Seite und nutzten den Überraschungsmoment. Manche Männer werden nicht schlecht geschaut haben, als sie ihre Frauen im Habit sahen. Frauen in Ordenskleidern – modischer als man(n) denkt. 2:0

Moderne Aufstellung: Nicht nur, dass die Frauen aussahen wie echte Nonnen. Die echten Zisterzienserinnen haben es gleich mit Digitalkamera fotografiert und die Bilder in Topqualität zum Mitnehmen ausgedruckt. Frauen und Technik – perfektes Zusammenspiel. 3:0

Die Gespräche am Spielfeldrand zeigten, dieses 3:0 ist in aller Munde. Selbst ins Fernsehen sind die Schwestern mit dieser sympathischen Aktion gekommen. Und mit Sicherheit werden alle, die sich in der Tracht wiedergefunden haben, begeisternd von der Spielfreude berichten, die sie mit den charmanten Zisterzienserinnen erleben konnten. Die Abseitsfalle hatte keine Chance zuzuschnappen.

Im Gegensatz zur oft etwas trübsinnigen Diskussion um geistliche Berufe war das mal eine Aktion, die zeigt, dass zu diesem Leben Berufene auch mit Freude bei der Sache sind. Und, was mindestens genauso wichtig ist, dass sie Wege finden, anderen von dieser Freude etwas abzugeben.

Ein solches Teamwork wünsche ich mir für die Kirche öfter. Neue ungewohnte Wege heraus aus der Verteidigung. Dass gerade eine frisches Team mit einer über 750-jährigen Geschichte wie die Zisterzienserinnen aus Marienstern das vormacht, zeigt, dass Kirche eine Menge Potentiale ausschöpfen kann.

Und die Verlierer? Niemand zog mit hängendem Kopf vom Platz. Verloren hat ein altes verstaubtes Spielsystem, dass nur auf miesepetrige Verteidigung setzt. Und das war auch an anderen Stellen des Meißner Bennofestes nicht zu finden.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 25 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 22.06.2006

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