Jetzt 4 Wochen kostenfrei Tag des Herrn lesen!
Aus der Region

Die Hoffnung hat Gesichter

Caritas in St. Petersburg

St. Petersburg - Großer Reichtum und bitterste Armut: Die einstige russsische Zarenresidenz St. Petersburg steckt voller Gegensätze. Die Caritas hat hier in den letzten 15 Jahren mit deutscher Hilfe ein soziales Netzwerk aufgebaut.

Wer St. Petersburg besucht, muss sich umstellen. Nicht nur wegen des maroden Straßennetzes, das regelmäßig einen Verkehrskollaps verursacht. Auffällig ist die tiefe Zerrissenheit der Gesellschaft. St. Petersburg ist ganz schön oder ganz hässlich, so wie seine Bürger ganz arm oder ganz reich sind. Dazwischen gibt es nicht mehr allzu viel. Und für die meisten heißt das, sie müssen einen nackten Kampf ums Überleben führen. Anders als in den Ländern Lateinamerikas versteckt sich die Not allerdings hinter den riesigen Fassaden der sozialistischen Plattenbauten mit ihren schmuddeligen Hausfluren und ihren viel zu engen Wohnungen.

Nur manchmal geht das Herz auf

Ludmila Andrejewa weint. Sie unterdrückt ihre Tränen, denn sie will stark sein. Zusammen mit ihrer schwerstbehinderten Tochter bewohnt sie eine winzige Ein-Zimmer- Wohnung im Petersburger Stadteil Frunse. Das 15-jährige Mädchen kann nichts allein tun, muss Tag und Nacht versorgt werden. Frau Andrejewa kann deswegen keiner Arbeit nachgehen. "Das Kind lebt sowieso schon zu lange", haben die Ärzte der Mutter gesagt. Ludmila Andrejewa weint. Nur manchmal, wenn ihr Kind ein wenig lacht, geht ihr das Herz auf und sie bekommt neue Kraft. Hilfe erhält sie außer einer kleinen Behindertenrente nicht. Der Vater hat die Familie verlassen, als er die Nachricht von der Krankheit seiner Tochter erhielt. Bis November letzten Jahres hat Frau Andrejewa in der beengten Wohnung noch ihre kranke Mutter gepflegt.

Im täglichen Kampf ums Überleben versuchen Hilfsorganisationen das schlimmste Leid zu lindern. Besonders die Caritas hat in den vergangenen 15 Jahren ein soziales Netzwerk in der Fünf-Millionen-Metropole aufgebaut. Mitarbeiter und Freiwillige sind in über 20 Projekten beschäftigt. Begonnen hat die Arbeit der deutsche Priester aus dem Bistum Görlitz Hartmut Kania (1942 bis 2001), der seit 1991 in St. Petersburg wirkte und bis zu seinem Tod für die Caritas in ganz Russland zuständig war. "Am Anfang ging es darum, dafür zu sorgen, dass die Menschen nicht verhungern", erzählt die Caritas-Direktorin von St. Petersburg, Natalja Pewzowa. Heute versuche man sie auch bei der Lebensbewältigung zu unterstützen.

Das ist in Russland bitter nötig. Was passiert, wenn sich der Staat aus der Verantwortung nimmt, zeigt das Leben in St. Petersburg deutlich: Eine zunehmende Verelendung ganzer Bevölkerungsschichten. Die Renten zwischen 2500 bis 3000 Rubel (rund 74 bis 88 Euro) reichen nicht aus. Staatliche Unterstützung für soziale Projekte? Fehlanzeige. Die russische Gesellschaft ist nicht in der Lage, ihre Schwächsten zu schützen: Kinder, Behinderte, Alte, Kranke.

Keinen Anspruch auf staatliche Unterstützung

Nahezu rechtlos sind die Obdachlosen. Wie viel es davon in St. Petersburg wirklich gibt, kann niemand sagen. Die Dunkelziffer liege bei 50 000, erklärt die Leiterin der Caritas-Obdachlosenküche Swetlana Stepanowa. Wer hier täglich eine kleine Mahlzeit – zwei Becher Brühe, zwei Becher Tee und ein Stück Brot – bekommt, wird allerdings registriert. Wegen der offenen Tuberkulose, mit der viele zu kämpfen haben. Als "religiöse Organisation" hat die Caritas auch hier keinen Anspruch auf staatliche Zuwendung. Dennoch versuchen die Mitarbeiter, ihren Klienten nicht nur das Notwendigste zu geben, sondern auch Ansprechpartner zu sein. Sozialarbeiterin Antonina Solotowa zum Beispiel kümmert sich um die täglichen Probleme der Frauen und Männer, hilft bei der Beschaffung von Dokumenten oder dabei, Angehörige wieder zu finden. "Die Obdachlosen in Russland werden als minderwertig angesehen", sagt Frau Solotowa, "viele bekommen erst die Alkoholprobleme, nachdem sie obdachlos geworden sind."

Die Caritas in St. Petersburg versucht die Hilfe weiter zu professionalisieren, denn manches scheint noch spontane Reaktion auf die nicht enden wollende Not zu sein. Auf Initiative der Dresdner Ärztin Dr. Maria Jänchen, einer Wegbegleiterin Kanias, die an der Caritas-Arbeit in Russland seit 1993 beteiligt ist, hat sich im Monsignore- Hartmut-Kania-Haus eine Sozialschule gegründet. Hier werden Caritas-Mitarbeiter aus ganz Russland ausbildet. "Zur wirksamen Hilfe gehören fundierte Kenntnisse", sagt Frau Jänchen. Das Kania-Haus, das vor allem vom Bistum Görlitz unterstützt wird, beherbergt zudem ein Altersheim mit 15 Plätzen, Gästezimmer für Seminarteilnehmer sowie eine der heiligen Elisabeth geweihte Kirche. Auch wenn die Not vieler Menschen groß ist: Durch die Caritas hat die Hoffnung Gesichter.



Hintergrund - Ohne die Unterstützung aus Deutschland kann die Caritas nichts tun

In den 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts begann in der Russischen Föderation der Übergang vom Staatssozialismus zur Marktwirtschaft. Im Chaos des Zerfallsprozesses der UdSSR setzte sich unter Boris Jelzin im sowjetischen Nachfolgestaat allerdings die Auffassung der so genannten Radikalreformer Jegor Gaidar und Anatoly Tschubajs durch. Sie sahen in der Privatisierung des Staatseigentums und der "Schocktherapie" das Herzstück der Transformation von der zentralen Plan- zur Marktwirtschaft. Vertreter der marktradikalen Schulen der USA wie Harvard und Chicago gaben die Strategie vor und begleiteten deren Durchsetzung – mit der Folge, dass Russland heute von etwa einem Dutzend Finanz-und Industrieoligarchen beherrscht wird. Es fehlt an funktionierenden Gesundheitsund Sozialsystemen, was besonders die Schwächsten zu spüren bekommen. Erst mit Argwohn beobachtet, später geduldet, heute weitgehend anerkannt, haben bereits 1991 Hilfsorganisationen wie die Caritas ihre Arbeit aufgenommen. Für den Aufbau von sozialen Projekten fehlte jedoch das Geld. Unterstützung vom Staat hatten die Helfer nicht zu erwarten. Mit vielen Spenden aus dem Ausland konnte die Caritas eine effektive Sozialarbeit aufbauen. Die Arbeit des Verbandes in St. Petersburg wird im Osten Deutschlands besonders durch das Bistum Görlitz unterstützt. Die Hilfe für die Bedürftigen reicht vom Förderzentrum für Behinderte, Armen- und Obdachlosenküche, Hilfe für Waisenkinder, Kindertreff, Sozialhilfezentrum bis hin zur Betreuung von gefangenen Minderjährigen. Ohne die Unterstützung aus Deutschland kann die Caritas nichts tun. (as)

Spendenkonto: Caritasverband der Diözese Görlitz e.V.
Liga-Bank Dresden
BLZ: 750 903 00
Kto.-Nr.: 20 828 48 22
Kennwort: Spende St. Petersburg

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 25 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 22.06.2006

Aktuelle Buchtipps