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Faszination des Mystischen

Studenten diskutieren über Sakrileg

Halle - Derzeit läuft in vielen Kinos in Deutschland der Film "The Da V../../inci Code – Sakrileg". Studenten des Instituts für Katholische Theologie und ihre Didaktik in Halle haben sich im Rahmen ihrer Religionslehrerausbildung den Film angeschaut und darüber diskutiert.

Den Film "The Da V../../inci Code", wie er derzeit in vielen Kinos weltweit gezeigt wird, haben bislang laut Internetseite kinocharts.de allein in Deutschland gut 652 000 Zuschauer gesehen. Der Film basiert auf dem Roman von Dan Brown "Sakrileg", der bislang in einer Auflage von 48 Millionen Exemplaren verkauft worden sein soll.

Nach einem gemeinsamen Kino- Besuch diskutierten kürzlich Studierende des Instituts für Katholische Theologie und ihre Didaktik mit ihrer Professorin Regina Radlbeck- Ossmann über den Streifen. Im Zentrum der Fragen von Kathrin Wagner, Patricia Sperlik, Martin Baum, Christiane Schottek und den anderen Lehramtsstudenten für Katholische Religion standen unter anderem die katholische Organisation "Opus Dei" (dazu Seite 9 im Tag des Herrn 23), der Templer-Orden und die apokryphen Evangelien, die in Nag Hammadi im ägyptischen Wüstensand gefunden wurden.

Unglaubwürdige Quellen für Roman und Film

Roman-Autor Dan Brown behauptet, dass das bei der Passion vergossene Blut Jesu von Maria Magdalena in einem Gefäß aufgefangen worden sei und den Eingeweihten fortan als "der Heilige Gral" gegolten habe. Verschiedene Gruppen hätten im Laufe der Geschichte versucht, in den Besitz dieses Gefäßes zu kommen. So sei es nach Brown auch Ziel der Templer gewesen, auf ihrem Zug in das Heilige Land den Gral zu finden und ihn an sich zu reißen. Diese Interpretation, so Professorin Radlbeck-Ossmann vor ihren Studenten, entspringt jedoch ausschließlich der Fantasie des Autors. Tatsächlich waren die Templer ein Ritterorden, der gegründet wurde, um den Pilgern auf ihrem Weg ins Heilige Land bewaffneten Schutz zu gewähren. Der heilige Gral kommt in den König-Artus- Sagen vor. Worum es sich dabei konkret handelte, sei ihres Wissens nach nicht völlig geklärt, so die frühere Lehrerin Radlbeck- Ossmann. Der Gral stehe wohl für eine tiefe Sehnsucht im Menschen nach innerer Erfüllung.

Auch die vom Autor aufgestellten Behauptungen über die so geannnte Prieuré de Sion (Bruderschaft von Sion), die das Geheimnis des Grals (des Grabes Maria Magdalenas) hüten würde und der etwa Leonardo da V../../inci oder Isaac Newton angehört hätten, seien historisch nicht greifbar. Sie seien nur in Dokumenten belegt, die erst im 20. Jahrhundert entstanden. Ihren Verfasser, den Franzosen Prierre Plantard haben diese Schriften bis vor die Justiz gebracht. Er erklärte deshalb 1993 unter Eid, dass er der Erfinder der Prieuré sei und sämtliche Dokumente persönlich gefälscht habe.

In diesem Zusammenhang wies die Systematische Theologin/ Dogmatikerin Radlbeck-Ossmann darauf hin, dass Dan Brown im Vorwort zu seinem Roman in der deutschen Ausgabe betont, alle Dokumente sorgfältig gelesen und sie wirklichkeitsgetreu wiedergegeben zu haben. "Damit erweckt er beim unkundigen Leser den Eindruck, sein Roman beschreibe historische Realität. Wenn man jedoch die Verlässlichkeit der Quellen nicht prüft und sich sogar auf nachweislich gefälschte Dokumente bezieht, hilft es nichts, gefälschte Dokumente korrekt wiederzugeben."

Leonardo da V../../inci und die Prieuré de Sion

Namhafte Leonardo-da-V../../inci- Kenner und Kunstexperten bezeichnen die Behauptung in Roman und Film, der große Italiener habe in sein Abendmahlsbild geheime Botschaften hineingemalt (der Lieblingsjünger Johannes sei eigentlich Maria Magdalena) als reine Erfindung, so Radlbeck-Ossmann.

Im Blick auf die Frage, warum gerade Matthäus, Markus, Lukas und Johannes die Evangelien sind, an denen Christen sich orientieren, während andere Texte (als Apokryphen) im Rahmen der Bildung des Schriftkanons ausgesondert wurden, erläuterte Radlbeck- Ossmann den Studierenden: "Die uns bekannten Evangelien sind bereits im ersten Jahrhundert entstanden und wurden von da an immer wieder als authentische Darstellungen des Lebens Jesu bestätigt. In diesen Texten haben die Christen der frühen Kirche ihren Glauben wiedererkannt, während das in anderen, meist späteren Texten nicht der Fall war.

Staatsreligion Christentum nur politisches Kalkül?

Im Blick auf das 1945 beim ägyptischen Nag Hammadi gefundene Philippus-Evangelium, in dem davon die Rede ist, dass Jesus Maria Magdalena auf den Mund geküsst habe, sei ebenfalls Vorsicht angebracht. Bei diesem Text handelt es sich um eine Quelle, die erst spät, nämlich gegen Ende des zweiten Jahrhunderts entstanden ist. Ihre Verfasser gehören zur Gnosis, einer in der Antike sehr attraktiven religiösen Sondergruppe, die ein Geheimwissen für sich in Anspruch nahm und im Unterschied zum Christentum Erlösung nicht allen, sondern nur ihren Eingeweihten anbot. Die Aufnahme in die Gruppe erfolgte im Gestus des Kusses. "Wenn dieses Evangelium nun den Kuss zwischen Jesus und Maria Magdalena berichtet, so geht es dabei nicht um erotisches Tun, sondern um die Bestätigung eines Examens."

Es reiche eben nicht, nur aus Quellen vorzulesen, so die Professorin. "Man muss die Texte mit Fachkenntnis interpretieren. Die eigene Fantasie müsse dabei hinter den sachlichen Daten ebenso zurückstehen wie der Wunsch, eine für Hollywood taugliche Geschichte zu schreiben. "Es ist wichtig, sich verschiedene Fragen zu stellen, wie etwa: Wer schreibt? Für wen wird der Text verfasst? In welchem zeitlichen Umfeld stehen die Aussagen?"

Eine Ehe Jesu ist sehr unplausibel

Ähnlich fachkundig müsse man mit der Aussage des Romans umgehen, Kaiser Konstantin habe sich erst auf dem Sterbelager taufen lassen. Dies erkläre sich aus der antiken Tauftheologie, die vom Getauften ein Leben in Reinheit verlangte. Konstantin habe wohl vorausgesehen, dass er dieser Forderung angesichts seiner hochgesteckten politischen Ziele zeitlebens nur schwer würde nachkommen können. So schien es ihm sicherer, mit der Taufe bis zu einem Zeitpunkt zu warten, an dem ihm nicht mehr viele Gelegenheiten blieben zu sündigen. Dass wie im Film behauptet erst auf dem Konzil von Nizäa 325 und unter dem Druck Konstantins die anderen Evangelien ausgesondert worden seien, sei Humbug, so die Professorin. Dass Jesus bis dahin nur als herausragender Prophet betrachtet wurde, geht an allen historischen Dokumenten vorbei. Schon das Neue Testament stellt Jesus als einen vor, der mehr sei als ein Prophet (vgl. Mt 11,9). Für die Evangelisten begegnet den Menschen in Jesus kein anderer als Gott selbst (Mk 15,39).

Was wäre, wenn Jesus verheiratet gewesen wäre, lautete eine weitere Frage der Studenten. Radlbeck-Ossmann: "Eine Vaterschaft Jesu würde die zentrale Botschaft des Evangeliums nicht wesentlich ändern." Eine Ehe passe jedoch nicht zur Ausrichtung des Lebens Jesu und seiner Dynamik. "Wenn Jesus verheiratet gewesen wäre, wäre dies vermutlich tradiert worden", so Radlbeck- Ossmann. "Denn Jesus lebt in einer Welt, in der Sexualität und Fruchtbarkeit in der Ehe hoch geschätzt werden." Von Petrus sei ja überliefert, dass er verheiratet war. Erst mit der neuplatonischen Philosophie seien vom zweiten und dritten Jahrhundert an immer wieder leibfeindliche Strömungen in das Christentum eingeflossen, so Radlbeck-Ossmann. In ihren offiziellen Verlautbarungen habe die Kirche diese Leibfeindlichkeit aber stets abgelehnt. (Zu Jesus und Maria Magdalena: Tag des Herrn 23)

Von den Studenten diskutiert wurde auch die Frage, warum die Kirchen den Film nicht zu einer öffentlichen Diskussion nutzen. Dass die Deutsche Bischofskonferenz bereits 2003 angesichts des Erscheinens des Romans ausführliches Material ins Internet stellte, sei wenig bekannt.

Für Radlbeck-Ossmann bedient "The Da V../../inci Code – Sakrileg" ein Bedürfnis der heutigen Menschen bei der Suche nach mystischen Dimensionen des Lebens. Dass dabei religiöse Gefühle von Christen verletzt werden, werde von den Produzenten in Kauf genommen.

Mehr Infos unter: www.kaththeol.uni-halle.de
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 24 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 15.06.2006

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