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Bistum Erfurt

Selbsterfüllende Prophezeiung

Hans Joas sprach beim Festakt für Bischof Wanke über Modernisierung und Säkularisierung

Erfurt (mh) - Mit einem Festakt und der Übergabe einer Festschrift hat die Katholisch- Theologische Fakultät Erfurt Bischof Joachim Wanke gewürdigt. Anlass war der 65. Geburtstag des Bischofs.

Die These, dass Modernisierung zur Säkularisierung führt, ist für den Erfurter Soziologen und Sozialphilosophen Hans Joas eine "sich selbst erfüllende Prophezeiung": "Weil der Mensch glaubt, dass es modern ist, nicht zu glauben, wendet er sich vom Glauben ab", sagte Joas in seinem Festvortrag zum 65. Geburtstag des Erfurter Bischofs Joachim Wanke. Er forderte dazu auf, die "Säkularisierungsthese zu überwinden". Wie genau das geschehen könne und welche Chancen damit verbunden sind, wisse er allerdings auch nicht.

Fast alle bekannten Vertreter von Philosophie und anderen Geisteswissenschaften haben in der zweiten Hälfte des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Annahme vertreten, dass wirtschaftliches Wachstum und wissenschaftlich-technischer Fortschritt letztlich dazu führen werden, dass Religion ganz verschwindet. Erstmals sei die Säkularisierungsthese um 1710 bei einem englischen Frühaufklärer zu fi nden, der das Verschwinden des Christentums für das Jahr 1900 voraussagte.

Dass es sich bei Säkularisierung tatsächlich nicht um einen Mythos, sondern durchaus um "knallharte Realität" handele, mache besonders die Situation in Ostdeutschland deutlich: "Die Ostdeutschen sind Weltmeister der Säkularisierung."

Die Begründungen für die Säkularisierungthese liegen laut Joas vor allem in einem falsch verstandenen Glauben: So glaube man beispielsweise, dass wissenschaftlicher Fortschritt dazu führe, dass ein Glaube, der als unreifes Wissen verstanden werde, verschwindet. Eine Glaube, der seine Ursache in der Not habe, werde durch die Überwindung der Not überfl üssig. Ein Vertreter dieser Richtung sei Karl Marx gewesen. Und schließlich gebe es auch die Auffassung, dass Demokratisierung und Pluralisierung in einer Gesellschaft zum Verschwinden des Glaubens führen, wenn die Glaubensweitergabe vor allem mit Autorität verbunden sei.

"Warum aber" – so eine kritische Frage von Hans Joas an die Vertreter der Säkularisierungsthese – "soll ich aufhören zu glauben, bloss weil ich mehr verdiene?" Christen müssten – herausgefordert von dem Gefühl, selbst einer aussterbenden Rasse anzugehören – "etwas gegen die fortschreitende Säkularisierung tun".

Hans Joas, der Dekan des Erfurter Max-Weber-Kollegs ist, nutzte die Gelegenheit seines Festvortrags, um Bischof Wanke als "eine herausragende Figur unter den deutschen Bischöfen" zu würdigen. Man habe in ihm immer einen interessierten Gesprächspartner mit einem "authentischen wissenschaftlichen Interesse".

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 20 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 18.05.2006

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