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Bistum Dresden-Meißen

Gemeinsamer Einsatz für Werte

Döbelner St.-Johannes-Gemeinde lud Persönlichkeiten der Stadt zum offenen Gespräch ein

Döbeln - Kein Gottesdienst, sondern ein offener Gesprächsabend über Werte für unsere Gesellschaft stand auf dem Programm, als Bischof Joachim Reinelt am 9. Mai die Döbelner Katholiken besuchte.

Neben den Gemeindemitgliedern waren Persönlichkeiten eingeladen, die in der Stadt Verantwortung tragen: Bürgermeister, Schulleiter, Klinik-Chef, die Leiterin des Amts für Arbeit, Politiker. Am Wochenende, erzählt Bischof Reinelt zum Einstieg, habe er in Dresden die Premiere der Oper "Dead Man Walking" erlebt. Eine amerikanische Ordensschwester begleitet einen Todeskandidaten bis zur Hinrichtung. "Unter physischer Selbstaufgabe schafft es die Frau, den Mörder dazu zu bringen, seine Tat zu bereuen und die Eltern des Opfers um Verzeihung zu bitten", erzählt Reinelt.

Zu seiner Schuld stehen, um Verzeihung bitten, das seien keine christlichen Werte, sondern menschliche. Ein Satz, mit dem Reinelt möglichen Kritikern den Wind aus den Segeln nimmt, die Kirchen hätten den Wertekodex für sich gepachtet. Dass Werte für das menschliche Zusammenleben keine Erfindung der Christen sind, belegt der Bischof auch mit dem Maßstäbekatalog König Davids: Bewährtes zu achten, Unrecht zu hassen, Falschheit abzulehnen, hatte der sich unter anderem zur Richtschnur gemacht. "Würden sich Politiker heute an diesem Katalog orientieren, hätten wir ein schönes Leben", so Reinelt augenzwinkernd. Natürlich, so betont er, sei es eine Illusion, ein Mensch könnte allen Werten entsprechen.

Dem Menschen sei jedoch ein Grundverständnis mitgegeben, dass der andere neben ihm eine unantastbare Größe besitze. Ein Zeichen dafür, dass Werte in der Gesellschaft stärker präsent sind als mancher glaubt, sei die Spendenbereitschaft der Deutschen für die Opfer von Katastrophen. Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit – auf diesen Säulen ruhe laut Reinelt das Wertegerüst des größten Teils der Menschheit. Widerspruch gab es seitens der Zuhörer dazu nicht, Anmerkungen schon. "Man muss Freiheit definieren", mahnt Amtsgerichtschef Helmut Bolten an. "Freiheit ist nicht grenzenlos", meint der Leiter des Awo-Heims Martin Friebel. Für Jörg Neumann (FDP) dürfe Freiheit nur so weit reichen, dass sie nicht die Freiheit des anderen begrenzt.

Siegfried Thomas (PDS) zitiert Hegel und Engels und nimmt Bezug auf sein Werteverständnis in der DDR: "Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit." Der Begrenzung von Freiheit stimmt Reinelt zu, mit dem Einwurf Thomas’ hat er Bauchschmerzen. "In der DDR haben ein paar Leute gesagt, es sei notwendig, eine Mauer zu bauen. Wenn ein Staat vorschreibt, was man zu denken hat, wird es gefährlich."

Wenn jetzt umgekehrt den Kirchen vorgeworfen wird, sie wollten Kindergartenkindern bei der Erziehung "christliche Werte" aufdrücken, sei das schlichtweg eine falsche Darstellung. "Zur Freiheit gehört der Respekt gegenüber Andersdenkenden. Und das Evangelium ist keine Knute. Die Kirchen wollen genauso wenig im Kindergarten missionieren, wie ich Sie heute Abend zu Christen machen will", so Reinelt. "Wir sagen nicht, wir haben immer Recht. Aber wir haben einen Text, aus dem wir lernen können, was richtig ist." Aber wie können allgemein akzeptierte Werte heute Kindern mit auf den Weg gegeben werden? Diese Frage treibt Dr. Rudolf Lehle, Leiter des Sächsischen Krankenhauses Hochweitzschen, um. Und er beantwortet sie für sich mit dem Begriff des Vorbilds. Eltern zum Beispiel sollten Vorbilder sein.

Awo-Heimleiter Martin Friebel drückte am Ende aus, was mancher Besucher empfand: "Mir hat der Abend viel gegeben. Derartige Gespräche, in einer solchen Atmosphäre und an einem solchen Ort, gibt es leider nur selten.".

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 10 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 18.05.2006

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