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Aus der Region

Christlich oder religionslos?

Missionarische Kirche in Sachsen-Anhalt

Diskutierten mit den anderen Teilnehmern über Chancen, in einem Land mit großer christlicher Tradition den christlichen Glauben wieder lebendig werden zu lassen: Dr. Hintner, Pastorin Höppner, Bischof Feige, Redakteurin Baus, Stasi-Akten-Beauftragte Leichsenring, Schulamtsleiter Quecke, Monsignore Ducke. Foto: Eckhard Pohl Wittenberg - Einst als Region vom christlichen Glauben geprägt, leben in Sachsen-Anhalt heute mehrheitlich Bürger ohne religiöses Bekenntnis. Ist der "nette religionslose Mitbürger" für die christliche Botschaft überhaupt erreichbar? Ein Symposium in Wittenberg versuchte eine Anwort.

Gut 100 Teilnehmer des Symposiums "Sachsen-Anhalt christlich oder religionslos" gingen am 28. April in Wittenberg-Piesteritz der Frage nach, wie die vielen nichtchristlichen Mitbürger Sachsen-Anhalts mit dem Evangelium bekannt werden können. Die Tagung war dem Gedenken des vor 30 Jahren tödlich verunglückten Magdeburger Studentenpfarrers Dietmar Hintner gewidmet.

In der kirchlichen Sicht der religionslosen Mitmenschen hat sich ein Wandel vollzogen. Das machte der Leiter der Hauptabteilung Pastoral im Bistum Magdeburg, Ulrich Lieb, deutlich. Ende der 50er Jahre habe der Seelsorgeamtsleiter in Magdeburg, Hugo Aufderbeck, die nicht glaubenden Mitbürger noch als "kranke Atheisten" beschrieben.

20 Jahre später sprach der inzwischen zum Erfurter Bischof geweihte Aufderbeck von der Kirche als "Portal für jedermann, damit alle gut nach Hause kommen in das Vaterhaus Gottes" – ein Wandel, der auch in den Beschlüssen der Dresdner Pastoralsynode (1973/75) nachlesbar ist.

Der "nette religionslose Mitbürger"

"Die Christen hierzulande wissen sich also nicht ausschließlich von Gegnern umgeben, sondern von netten Mitbürgern, in deren Leben aber Religion keine Rolle spielt oder nur als Randerscheinung", so Lieb. Diese Mitbürger seien Menschen, die die Kirche von halb-historischen Mittelalter- Filmen kennen, sie mit Weltfremdheit und Engstirnigkeit verbinden und diese Sicht als Alibi benutzen, nichts mit ihr zu tun haben zu wollen. Eine andere Gruppe seien Bürger, die sich bei Gelegenheit für Glauben und Kirche interessieren und auch bereit sind, ihre Sicht zu revidieren. Und es gebe solche, die auf der Suche nach Sinn sind und die ins Nachdenken kommen, wenn sie mit dem Glauben in Kontakt kommen.

Bei dem Anliegen, Mitbürger mit dem Evangelium bekannt zu machen, gebe es Chancen, aber auch erhebliche Grenzen, so Lieb weiter. Gefragt seien weder Belehrung von oben herab noch Aufdringlichkeit. Wie erreichbar ein Mitbürger ist, hänge zudem von dessen Situation ab. Menschen in Krankheit und Trauer, aber auch bei Geburt, bei Eintritt ins Jugendalter oder zur Hochzeit sind "für deutende Botschaften empfänglicher als im normalen Alltag". Lieb: "Es bedarf eines Fingerspitzengefühls, aber auch des richtigen Zeitpunktes und des beherzten Mutes." Der religionslose Mitbürger ist erreichbar, wenn er spürt, "dass er es auch mit einem netten religiösen Mitbürger zu tun hat, der ein glaubwürdiger Mitmensch ist".

Die Sprache der Menschen sprechen

"Einladend, offen und dialogbereit gehen wir in die Zukunft", so habe man im Magdeburger Pastoralen Zukunftsgespräch formuliert. Wenn dabei erfahrbar bleibt, dass "ökumenisches Denken und Handeln auf allen Ebenen kirchlichen Lebens als durchgängige Perspektive wirksam wird", werde auch den religionslosen Mitbürger das Evangelium erreichen.

Zu Beginn des Symposiums hatte der Staßfurter Pfarrer und Kirchenhistoriker Peter Zülicke die große christliche Geschichte der Region Sachsen-Anhalts vor Augen gestellt. Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige schilderte die Situation der Christen in der DDR bis in die Gegenwart, zum Beispiel seine Erfahrungen als Kind und Jugendlicher in Halle im Blick auf das selbstverständliche ökumenische Miteinander. Diplom- Ingenieur Friedemann Ehrig aus Wittenberg schilderte seinen Weg als evangelischer Christ "aus der Verweigerung in die politische Verantwortung nach der friedlichen Revolution".

"Verstellen wir mit mancher Weise kirchlicher Verkündigung Zugänge zu Gott?" Mit dieser Frage konfrontierte der Jenaer Pfarrer Monsignore Karlheinz Ducke als Moderator die Teilnehmer des anschließenden Podiums, an dem die Magdeburger Pastorin Renate Höppner, die Leiterin der Außenstelle Halle der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Uta Leichsenring, die MDRFigaro- Redakteurin für Religion und Ethik, Mechthild Baus, und der Leiter der Schulabteilung des Ordinariats Magdeburg, Thomas Quecke, teilnahmen. Einer der Zuhörer, der Leipziger Kunsthistoriker Gerhard Walter, ergänzte Ducke mit einer weiteren Frage: "Wie befähigen wir uns, Zugänge zu Gott herzustellen?" Nach den Erfahrungen von Mechthild Baus gibt es viel Unsicherheit im Blick auf religiöse Themen, fehlt vielen Menschen das entsprechende Vokabular. Schlichte Bildungsarbeit, etwa Erklärstücke im Radio über "Was ist Pfingsten?", können eine Hilfe sein. Auch Uta Leichsenring ist überzeugt, dass die Kirche eine Sprache sprechen muss, die die Menschen verstehen. Zugleich könne kirchlich-zivilgesellschaftliches Engagement Nichtchristen auf die christliche Botschaft aufmerksam werden lassen.

Für viele der Teilnehmer bot das Symposium Gelegenheit zum Gebet für Dietmar Hintner und zum Wiedersehen. Gekommen waren Mitbrüder, aber etwa auch einstige Studenten der KSG Magdeburg, in der Hintner Seelsorger war. Zu dem Symposium eingeladen hatten der Bruder Hintners, Hartwig Hintner, und Ordinariatsrat Ulrich Lieb.



Zur Person
Dietmar Hintner (+ 1976)

1941 in Rumburg (Sudentenland) geboren, wuchs Dietmar Hintner in Wittenberg-Piesteritz auf. Er studierte Theologie und wurde 1967 in Magdeburg zum Priester geweiht. Nach zwei Vikarsjahren in Delitzsch studierte er erneut in Erfurt und promovierte 1974. Im gleichen Jahr wurde er Studentenpfarrer und Vikar in Magdeburg. Am 29. April 1976 verunglückte der Seelsorger bei einem tragischen Verkehrsunfall und starb an den Folgen. In Hintners Leben "verbanden sich hohe Geistigkeit und menschliche Liebenswürdigkeit mit großer Einsatzbereitschaft für andere Menschen. Ideenreichtum im Seelsorgedienst und sein lebendiges ökumenisches Interesse und Engagement weckten noch manche Hoffnungen für die Zukunft", hieß es in einem Nachruf.



Tipps

Der Magdeburger Seelsorgeamtsleiter Ordinariatsrat Ulrich Lieb formulierte in Anlehnung an entsprechende Wegweisungen von Bischof Hugo Aufderbeck (in: Die Stunde der Kirche) jetzt folgende Handlungsmaximen:

  • Dein Glaube an Gott lebt von der Fähigkeit transzendenter Erfahrungen. Erwecke die Fähigkeit zur "Transzendenz" in deinem Mitmenschen, damit er von der verbreiteten Haltung "Ich glaube nur, was ich sehe" zu jener Seligpreisung Jesu finden kann: "Selig, die nicht sehen und doch glauben".
  • Du liebst selbst Klarheit. Wähle also auch eine klare Sprache und verständliche Begriffe, wenn du von der Hoffnung, die der Glaube dir schenkt, sprichst. Schwammige Andeutungen verunsichern dein Gegenüber eher.
  • Du spürst, dass dein Glaube aus einer Ich–Du–Beziehung lebt. Versuch also von deiner persönlichen Gottesbeziehung zu sprechen und dich nicht hinter "Allgemeinplätzen" zu verstecken.
  • Du kennst die Werte von Stille und innerer Ruhe für deine persönliche Gottesbeziehung. Eröffne auch deinem Mitmenschen Wege in eine "gefüllte Stille".
  • Mach dir bewusst, aus welchen Quellen dein Glaube lebt und welche Quellen deinem Leben Freude und Liebe schenken, dann wirst du auch dem netten religionslosen Mitbürger religiöse Quellen erschließen können.
  • Frage dich selbst nach den biblischen Aussagen, die deinem Leben Sinn und Deutung geben. Vermeide jedes vollmundige Reden über den "Sinn des Lebens", sondern sprich von dir und deiner Sinnfindung. Der religionslose nette Mitmensch ist interessiert zu erfahren, weshalb Religion für dich sinnvoll ist.
  • Stell dich selbst auf die Seite der Blinden, Stummen und Tauben und tu’ nicht so, als würdest du alles sehen und hören und hättest auf alles eine Antwort. Bleib ein natürlicher Mensch, der sich als solcher auf der Suche nach dem übernatürlichen Gott befindet. Stell dich also an die Seite deines netten religionslosen Mitbürgers und präsentiere dich nicht als sein "besserwisserisches" Gegenüber.
  • Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 20 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
    Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Donnerstag, 18.05.2006

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