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Anstoß

"Der liebe Gott hat heute keine Lust Gebete zu hören"

Nachdenken über das Gebet

Guido Erbrich

"Der liebe Gott hat heute keine Lust Gebete zu hören", sagte meine dreijährige Tochter, als ich sie in Bett bringen wollte. Damit war das Abendgebet zu Ende, bevor es angefangen hatte.

Nun denke ich zwar nicht, dass sie mehr über den lieben Gott weiß, als ich – sonst wäre das ganze Theologiestudium ja für die Katz gewesen, aber der direkte Weg zu Gott ist bei ihr genauso kurz oder lang wie bei allen anderen Menschen auch.

Hätte es jetzt etwas gebracht ihr zu erklären, dass der liebe Gott zeitlos, unbegrenzt, unendlich ist, dass er gütig, geduldig, liebend ist und sich immer und zu jeder Zeit anreden lässt? Einer Dreijährigen, die mit ihrem Gott so umgeht, wie mit ihren Freunden im Kindergarten?

Mit welchem Recht sollte ich ihr ausreden, dass es Tage geben kann, wo der liebe Gott lieber etwas anderes tut, als sich Gebete anzuhören. Im Gegenteil, mir kam sogar ein ziemlich ketzerischer Gedanke. Ich stellte mir vor, wie das denn so sein muss, sich als lieber Gott Tag für Tag Gebete anzuhören. Das muss in die Millionen gehen. Manche aus tiefer Not gebetet, andere lustlos dahergeplappert, das glückliche Gebet von Frischverliebten, das Stundengebet, Psalmen und das Runterleiern irgendwelcher Wunschzettel. Gebete von Christen, Muslimen, Juden, Hindus, Buddhisten und, und, und.

Wenn so ein Gedanke da ist, gleich richtig. Ich stellte mir manche Zeitgenossen vor, die dem lieber Gott mit ihrem Rumgefrömmel auf die Nerven gehen. Werden sie dafür in der Hölle schmoren? Ein tröstlicher und gleichzeitig garstiger Gedanke. Und schon hatte ich mich beim "Rumpharisäern" ertappt.

Bloß gut, dass der liebe Gott nicht ganz so menschlich ist, wie wir. Dass er nicht auf Durchgang schaltet, wenn jemand zu ihm betet. Und jemand ist, der vermutlich genau dann besonders gut zuhört, wenn jemand ehrlich zu ihm ist.

Wir haben an diesem Abend kein Gebet mehr gesprochen. Trotzdem bin ich mir sicher, dass das bei Gott ganz gut angekommen ist. Obwohl er garantiert weiter zugehört hätte. Ob er an solchen Tagen lächelt?

An den nächsten Abenden hatte er – laut meiner Tochter – wieder Lust auf Gebete. Alles wieder normal im Kinderzimmer.

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 19 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 10.05.2006

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