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Bistum Erfurt

Ihre Würde und unsere Trauer

Nachdenken über Fehl- und Totgeborene

Ein Ort des Erinnerns: Friedhofsleiter Jens Kratzing führte an den Ort, an dem Früh- und Totgeborene beigesetzt werden. Foto: Holger Jakobi Erfurt - Viele Frauen müssen mit dem Verlust ihres Kindes während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt weiterleben. Damit verbunden sind Wut, Enttäuschung und vor allem Trauer. Wie den Betroffenen beigestanden werden kann, das war Thema einer Veranstaltung auf dem Erfurter Hauptfriedhof.

Der Verlust eines Kindes kann immer zu schweren persönlichen Krisen führen. Frauen sollen und dürfen in diesen Situationen nicht alleine gelassen werden. So die übereinstimmende Meinung einer Podiumsdiskussion, zu der das Katholische Forum im Land Thüringen, die Evangelische Stadtakademie und das Garten- und Friedhofsamt der Stadt Erfurt am Abend des 4. Mai eingeladen hatten. Der Anlass war die diesjährige Woche für das Leben, die unter dem Motto "Menschsein beginnt vor der Geburt" stand. Hubertus Staudacher, der Leiter des Katholischen Forums, machte zu Beginn deutlich, dass bei diesem Motto auch gefragt werden müsse, was geschieht, wenn dieses Menschsein endet, bevor es sich entwickeln und entfalten konnte.

Frühverstorbene gehören zur Gemeinschaft der Menschen

Die bewusst mitten im Lebenszusammenhang Friedhof angesiedelte Veranstaltung wollte dazu beitragen, die Möglichkeiten, Formen und Orte der Trauer um die ganz kleinen Erdenbürger, die zur Gemeinschaft der Menschen gehören, bekannt zu machen.

Prof. Udo Hoyme, der Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Helios-Krankenhaus in Erfurt, berichtete von den Bemühungen seines Hauses, den Frauen nach dem Tod ihres Kindes beizustehen. So geschehen beispielsweise Stillgeburten (falls das Kind schon im Mutterleib verstorben ist) unter möglichst normalen Bedingungen im Kreissaal. Weiter wird darauf geachtet, dass der Arzt, die Schwester bei der Mutter bleibt, die diese auch aufgenommen haben. Angeboten werden zudem Rituale des Abschieds. So ist es möglich, dass das tote Kind noch eine Weile bei der Mutter liegen darf. Professor Hoyme verwies darauf, dass viel Gefühl nötig ist, um den Frauen in diesen schweren Stunden des Verlustes beizustehen.

Verändert ist heute der Umgang mit den kleinen Leibern, die in der Vergangenheit häufig still beseitigt wurden. In Weimar, so berichtete der evangelische Krankenhaus- Seelsorger, Pfarrer Axel Kramme, habe der Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses irgendwann die Frage gestellt, was mit den Fehl- und Totgeburten geschehe. Seither geht Weimar, wie übrigens viele andere Krankenhäuser auch, andere Wege. Die Leiber werden in der Pathologie gesammelt und zweimal im Jahr eingeäschert. Auf dem Friedhof wird die Asche dann an einem eigenen Ort beigesetzt und die Betroffenen zu einer eigenen Abschiedsfeier eingeladen. Ein Weg des würdevollen Abschieds, der in Erfurt durch die Mitarbeiter des Helios-Krankenhauses ähnlich gegangen wird.

Darauf schauen, was in der Trauer hilfreich ist

Unterstützung erhalten sie dabei vom Hauptfriedhof der Stadt. Jens Kratzing, der Friedhofsleiter, führte die Teilnehmer an einen Gedenkort, der eigens für diese kleinen Menschenkinder geschaffen wurde. Kratzing berichtete, dass diese Stelle in nächster Zeit umgestaltet wird, um auch nach außen anzuzeigen, was hier geschieht. Er verwies zudem darauf, dass Beisetzung und Trauerformen bei Fehl- und Totgeburten keine fertigen Rituale sind. Es sollte darauf geachtet werden, was den trauernden Eltern beim Abschiednehmen und Erinnern hilfreich ist.

Erfahrungen dazu konnte die Caritasberaterin Maria Zucht beitragen. Im Rahmen der Schwangernberatung begleitet sie betroffene Müttern mit Rat und Tat. Daneben lädt sie mit zu einem Trauerkreis ein. Maria Zucht erinnerte daran, dass sich die betroffenen Frauen nach dem Tod des Kindes in einem Spannungsfeld zwischen Lähmung und roboterartigem Funktionieren befinden. Rituale und die in Gang kommende Verarbeitung könnten helfen, den Frauen Mut und neue Zuversicht zu geben.



Kontaktgruppe für verwaiste Eltern

Claudia Tischer, Uta Altmann und Maria Zucht sind in Erfurt Ansprechpartner für Eltern, die ein Kind verloren haben und mit ihrer Trauer und ihrem Schmerz alleine sind. Die drei Frauen sind direkt oder indirekt Betroffene und haben erfahren, was in solch einem Moment wichtig ist. Diese Erfahrungen wollen sie weitergeben. So sind die betroffenen Mütter und Väter jeweils am ersten Dienstag im Monat um 20 Uhr zu einem Treffen der Kontaktgruppe für verwaiste Eltern ins Erfurter Hospiz (Goethestraße 22) eingeladen. Dort ist Zeit zum Reden, Zuhören, zum Traurigsein und vor allem, um neue Kraft und Mut zu schöpfen. Daneben geht es aber auch um ganz praktische Fragen. Beispielsweise die nach dem richtigen Bestattungshaus oder Hilfen beim Trauern in der Familie: "Wie trauert mein Partner?" oder "Wie erklären wir es den Geschwistern?"

Informationen:
Maria Zucht
Beratungsstelle für Schwangere und Familien in Erfurt
Telefon: (03 61) - 5 55 33 50
Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 19 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 10.05.2006

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