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Bistum Erfurt

Wissenschaftler im Dialog

Bistum Erfurt veranstaltet zum zweiten Mal einen Hochschultag

Prof. Wolfgang Frühwald (nicht im Bild), Moderator Bernhard Wiedemann, Prof. Josef Freitag und Prof. Wolfgang Weigand diskutierten über das Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften. Foto: Till Haufs Erfurt - Der zweite Hochschultag des Bistums Erfurt versammelte rund 80 Professoren aus Thüringer Universitäten und Fachhochschulen in der Erfurter katholischen Bildungsstätte St. Martin, um über das Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaften zu diskutieren.

Schon im Einleitungsreferat von Bischof Joachim Wanke wurde deutlich, dass diese Diskussion einen viel weiteren Bereich umfasst als das Verhältnis zweier Wissenschaftsformen: Es geht um die Rolle des Glaubens vor dem Hintergrund einer immer stärker naturwissenschaftlich erklärbaren Welt.

Bischof Wanke stellte dabei die fundamentale Frage, ob die Komplexität unserer Welt überhaupt naturwissenschaftlich erfasst werden kann oder ob Kunst, Musik, Philosophie und auch Religion inhaltlich etwas in das Ringen um das Verständnis des Menschen und der Welt einbringen können. Der Literaturwissenschaftler Prof. Wolfgang Frühwald, Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, machte in seinem Festvortrag die Auswirkungen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf die Möglichkeiten des Glaubens deutlich. Nicht nur die kopernikanische Erkenntnis, dass sich die Sonne nicht um die Erde dreht, auch die Evolutionstheorie Darwins und die moderne Biotechnologie stellen eine Reihe von Kränkungen menschlicher Eigenliebe dar: Von Darwin wird die durch Hochmut erschaffene Trennwand zwischen Mensch und Tier niedergerissen, während die moderne Biotechnik sogar die Verfügbarkeit des Menschen über seinen eigenen Leib in Frage stellt.

Die reine Funktionalität der naturwissenschaftlichen Lehre scheint somit letztlich das besondere Daseinsverständnis des Menschen zu zerstören, denn Funktionalität lässt sich auch im Tierreich finden. Biberbauten – so Professor Frühwald – sind in ihrer Form hochgradig funktional. Doch was den Menschen von allen anderen Kreaturen der Welt abhebt, ist seine Erkenntnis von der Vergänglichkeit des eigenen Lebens, was schließlich die Motivation der menschlichen Ästhetik darstellt. Kein Biber wird, im Gegensatz zum Menschen, auf die Idee kommen, seinen gerade fertig gestellten Bau mit einer frisch gepflückten Seerose zu dekorieren.

Prof. Wolfgang Weigand vom Institut für Anorganische Chemie der Friedrich-Schiller-Universität Jena führte in seinem Beitrag aus, dass sich die Welt mit Hilfe der Naturwissenschaft sehr gut erklären lässt. Die Vorgänge rund um den so genannten "Urknall" lassen sich physikalisch genau beschreiben und bei der Definition des Lebens sind sich Naturwissenschaftler weitgehend einig. Aus ihrer Perspektive betrachtet ist Leben etwas, was über die Fähigkeit zur Selbstreproduktion, zur Mutation und zum Stoffwechsel verfügt. Was aber genau den Anstoß zum Übergang von der unbelebten zur belebten Materie gab und warum unter den 1050 verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten nach dem Urknall genau diejenige Welt entstand, in der wir leben, kann auch die Naturwissenschaft nicht beantworten.

Was die Rolle der Geisteswissenschaften, besonders der Theologie, im Kanon der Wissenschaften ist, erklärte Prof. Josef Freitag, Inhaber des Lehrstuhls für Dogmatik an der Universität Erfurt. Die besondere Eigenschaft der Theologie ist nämlich ihre Fähigkeit, sich mit der Frage selbst, die am Anfang jeder Wissenschaft steht, zu beschäftigen Die Frage nach dem "Woher" ist für Theologen meist bedeutsamer als die Antwort. Das "Woher" und das "Wohin" ist auch für Professor Frühwald zentrale Aspekt bei der Beantwortung, was Religion überhaupt ist: "Die Verbindung mit dem, was mich bei meinem Namen gerufen hat".

Dieser Beitrag wurde veröffentlicht in Ausgabe 19 des 56. Jahrgangs (im Jahr 2006).
Aufgenommen in die Online-Ausgabe: Mittwoch, 10.05.2006

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